Deutsche Gesellschaft für Volkstanz e.V.

Gemäde der Maike von Theodor Wilhelm Schäkel
Otto Ilmbrecht schreibt im Vorwort zu Bückeburger Heimattänze: „Dort bläst und schmettert es, hier wirbelt und kreischt es! Überschäumende Lebensfreude hat sie alle erfaßt! Die Zurückhaltung und Verschlossenheit, die hierzulande vorherrschen, sind durch die Tänze überwunden! Dies Erlebnis, das Worte nur undeutlich schildern können, hat der Maler Theodor Wilhelm Schäkel in einem Gemälde sichtbar gemacht.“

Die Mädchen (Maike) stehen im Mittelpunkt

Die Maike gehört zum „Grundtanzprogramm“, das die DGV in Zusammenarbeit mit der AG der Sing-, Tanz- und Spielkreise auf die CD „Einmal quer durch“ aufgenommen hat. Mario Hecker, Vorstandsmitglied der DGV, hat sich intensiv mit dem Tanz befasst und hier einige interessante Hintergrundinformationen zusammengestellt.

Der Tanz „Maike, wutt du noch nich up“ aus den „Bückeburger Heimattänzen“ von 1937 (MaikeB) und die „Maike“ aus den „Westfälischen Heimattänzen“ von 1931 (MaikeW) sind die gleichen Tänze mit leichten Varianten in Melodie, Text und Tanz. MaikeB wird nach Schaumburg-Lippe und Kreis Minden lokalisiert die MaikeW in die Ortschaft Wülpke nahe Bückeburg im Kreis Minden. Es gibt also eine Überschneidungsmenge. Im Vorwort zu den Bückeburger Heimattänze lesen wir: „Für Schaumburg-Lippe gilt, daß in den beiden Kreisen Bückeburg und Stadthagen für denselben Tanz voreinander abweichende Formen und bei figurengleichen Tänzen verschiedene Melodien auftreten.“

Erntetanz mit Scherzlied

Dieser Tanz, der mit seinem (Scherz-)Lied vom Alltag der Viehhaltung in der dörflichen Landwirtschaft erzählt, scheint wohl ein Erntetanz zu sein. „Maike, wutt du noch nicht up un melken dien Kauh? De Heire drifft vern Dörpe rup un du slöppst jümmer tau?“ – „Mädchen, willst du nicht aufstehen und deine Kuh melken. Der Hirte treibt (die Rinderherde) vors Dorf, ruft und du schläfst immer zu.“ Maike ist hier kein weiblicher Vorname, sondern steht im westfälischen Dialekt für Mädchen.

Dieser kurze Text erzählt von Kleinbauern beziehungsweise Selbstversorgern. Sie haben eine oder wenige Kühe. Für das Melken mussten die jungen unverheirateten Frauen täglich früh aufstehen. Sonntags lange ausschlafen stand nicht zur Wahl. Die Mädchen hatten eine große Verantwortung zu tragen – sicherlich damit auch eine große Last. An Aufgaben kann man wachsen oder verzweifeln.

Ich denke hier auch an das Buch „Herbstmilch“ von Anna Wimschneider und dessen Verfilmung durch Joseph Vilsmaier. Der Kuhhirte zieht durchs Dorf, ruft und führt die Herde auf die Viehweide. Bioviehhaltung – die Kühe kommen täglich auf die Weide, sie bleiben nicht ständig im Stall stehen, müssen nicht allein sein oder den ganzen Tag neben einer „dummen Kuh“ stehen, sondern Freundinnen aus der Herde treffen. Verschlafen ist kein Kavaliersdelikt, sondern wird mit dem Spott der Dorfgemeinde bestraft, wenn das Mädchen die Kuh alleine zur Weide treiben muss. Kein leichtes Leben.

Selbst beim Tanzvergnügen wurden den Mädchen die Normen der Dorfgemeinde klar gemacht. Jede und jeder hat seinen festen Platz in der Gemeinschaft. Abweichen wurde bestraft. Mädchen, die verschlafen, ernten Spott, verletzen die Familienehre und mindern ihren Wert auf dem Heiratsmarkt. Tanz ist Heiratsvermittlung. Der Tanz „Maike“ ist für (unverheiratete) Burschen und Mädchen gedacht und weniger für gestandene Männer und Frauen. Dies wird auch an der lebhaften Musik deutlich.

Ein sehr lebhafter Tanz

MaikeB hat eine genaue Geschwindigkeitsangabe, 144 Viertelnoten-Schläge pro Minute (sehr lebhaft). Die MaikeW hat nur die Angabe: Polkazeitmaß. In MaikeB heißt es: Wird das durch MM-Ziffern kenntlich gemachte Zeitmaß verlangsamt, so verändern sich nicht nur die Schritte und ihre Anzahl, sondern dann verlagern sich auch die Tanzformen in ihrer räumlichen Ausdehnung beziehungsweise Begrenzung. Hier wird auch darauf hingewiesen: Man beachte vor allem den Hinweis unter „Polkaschritt“:
Bei großer Geschwindigkeit – von uns als „sehr lebhaft“ oder „äußerst lebhaft“ bezeichnet – werden die Polkaschritte ohne Hüpfschwung ausgeführt. Für das Auge erscheint dieses Rundtanzen als sehr schneller Walzer (ohne Hüpfschwung). Der Hüpfer gehört in der Regel zur Böhmischen beziehungsweise Deutschen Polka, die Französische Polka wird ohne Hüpfer getanzt.

Hierzu auch in MaikeB: „Ein Beispiel für die ungleiche Ausführung einer Figur infolge abweichender Geschwindigkeit ist Teil B von ‚Maike, wutt du noch nich up‘ gegenüber der vom ‚Settedanz‘. Auf diesen Umstand weisen wir Anfänger hin, wenn sie es vorziehen sollten, für die Dauer des Einübens die Schnelligkeit zu vermindern.“
In MaikeB heißt es zum „Anspielen bei Kreistänzen“:
„Der Musikabschnitt A wird zu Beginn der ersten Kehre viermal gespielt, zuerst als Einleitung. Beim zweitenmal pflegen die vier Paare am Platz zu verharren und die zum Kreis gefaßten Hände wechselnd vor- und rückwärts zu bewegen. Beim drittenmal beginnt der Tanz laut Beschreibung.
In einigen Dörfern ist es üblich, daß der links- und rechtswärts zu tanzende Kreis ausgelassen wird und stattdessen die Arme vor- und rückwärts geschwungen werden. In dem Fall wird Musikabschnitt A entsprechend weniger gespielt.“

MaikeW: „Ein sogenannter ‚Achttouriger‘ aus der Gegend von Bückeburg. Sie werden achtmal getanzt mit Mädchenkreis und Burschenjoch (eine Art Mühle) beziehungsweise Burschenkreis, bis die Zahl erreicht ist. Wir begnügen uns mit drei beziehungsweise vier ‚Touren‘.“ „Wenn wir der Vielzahl von Figuren eines Tanzes durchweg eine Beschreibung entgegensetzen, gewissermaßen als Normalform, so leisten wir meines Erachtens der Vereinheitlichung des Brauchtums einen großen Dienst. Örtliche Besonderheiten können wir wegen ihrer Mannigfaltigkeit nicht im Einzelnen vermerken; wir wollen die Buntheit des dörflichen Eigenlebens, wo es noch vorhanden ist, ja auch nicht verdrängen.“ Otto Ilmbrecht scheint so auch bei diesem Tanz eigene Ideen und Meinung eingebracht zu haben. Er möchte der „Vereinheitlichung des Brauchtums“, „gewissermaßen als Normalform“ der Standardisierung des Volkstanzes dienen.

Musik mit Wiederholungen

Wenn es um die Musik geht, so haben wir viermal zweimal sich wiederholende achttaktige Phrasen. An der Küste würde man dies als Viertourigen bezeichnen. Im Landesinnern wird anders gezählt, hier wird jede achttaktige Phrase als Tour gerechnet. „Eingesessene bezeichnen als Achttourige im engeren Sinne die Tänze, die eine viergliedrige Melodie haben, deren jeder Abschnitt wiederholt wird.“ Es scheint aber, dass Otto Ilmbrecht die Touren mit den Kehren gleichsetzt, wenn er schreibt: „Wir begnügen uns mit drei beziehungsweise vier ‚Touren‘.“ In MaikeB: Der Aufbau der Achttourigen ist beim „Klapperschlunz“ zu ersehen:

  • Erste Kehre: großer Kreis
  • Zweite Kehre: eingehakt oder Rad oder Einhandfassung
  • Dritte Kehre: Kreuzfassung oder Paarkreis
  • Vierte Kehre: Mädchenkreis
  • Fünfte Kehre: Handhoch, auch Tschako-Mühle oder Oberarmfassung oder Burschenmühle oder Burschenkreis
  • Sechste Kehre: Mädchenkreis
  • Siebente Kehre: Handhoch Burschen
  • Achte Kehre: Einhand- oder Kreuzfassung
  • Schlusskreis

Handhoch, auch Tschako genannt: Die Burschen bilden mit den hochgestreckten rechten Armen über dem Kreismittelpunkt eine Turmspitze, die während des Tanzes beibehalten wird.

Die Noten zur MaikeB aus Schaumburg-Lippe. Die Geschwindigkeit ist mit 144 Viertelnoten-Schläge pro Minute sehr lebhaft
Die Noten zur MaikeB aus Schaumburg-Lippe. Die Geschwindigkeit ist mit 144 Viertelnoten-Schläge pro Minute sehr lebhaft

MaikeW wird im Teil A im Geh- oder Wechselschritt, bei MaikeB im Laufschritt (so auch bei der Kette) getanzt.

MaikeB, Rundgang der Burschen:
Takt 17 - 24: Indem die vier Burschen in jedem Takt zweimal in die eigenen Hände klappen, läuft jeder einzeln linkswärts in einem Bogen, der allmählich kleiner wird, einmal um die Mädchen herum und gelangt mit dem 16. Schritt zwischen zwei Mädchen, schräg links vor das eigene.
Rundgang der Mädchen:
Takt 17 - 24: Indem die vier Mädchen in jedem Takt zweimal in die eigenen Hände klappen, läuft jede einzeln linkswärts (auch in der Uhrzeigerrichtung) in einem Bogen, der allmählich größer wird, einmal um die Burschen herum und erreicht mit dem 16. Schritt den Platz, den der eigene bei Takt 16 eingenommen hatte.

In diesem im Bogen tanzen, der allmählich kleiner beziehungsweise größer wird, zeigt sich ebenso wie im haarscharf „dicht vorbei am rechtsstehenden Paar“ Polka tanzen, ein spielerisch risikofreudiges übermütig schwungvolles Tanzen. „Dort bläst und schmettert es, hier wirbelt und kreischt es! Überschäumende Lebensfreude hat sie alle erfaßt! Die Zurückhaltung und Verschlossenheit, die hierzulande vorherrschen, sind durch die Tänze überwunden!“

So scheint das bei Margrit Vogt zu lesende „Die Tänzer ‚schieben‘ ihre Tänzerin mit zwei Wechselschritten (Polka geradeaus) zur Mitte, so daß die Tänzerinnen Rücken an Rücken stehen“ und oft auf den Tanzböden zu sehende „Abstellen“ doch sehr zurückhaltend und brav. Da ist kein Wirbeln zu sehen und kein Kreischen zu hören, da herrscht schweigsames Schieben.

Mädchen auf dem Ehrenplatz

Die Maike „gehört zur Gruppe der Settequadrillen“ Doch das „Abstellen“ der Mädchen ist nicht als ein Entledigen und Entlasten der Burschen zu verstehen, sondern eher als ein „in Stellung bringen“ der Mädchen. Die Mitte einer Quadrille ist eine Bühne, ist Ehrenplatz. Wer hier steht, der ist gesetzt, hat eine besondere Stellung und ist der Mittelpunkt des Geschehens.

MaikeB: „Die beiden Burschen mit vier Laufschritten rückwärts auf den Platz“ bewegend treten ohne den Rücken zu zeigen vom Ehrenplatz zurück. Die Mädchen beziehungsweise die Burschen stehen in der Mitte „fassungslos“ – am Ehrenplatz ist man frei und ohne Fesseln.

MaikeB: „Indem die vier Burschen/Mädchen in jedem Takt zweimal in die eigenen Hände klappen, läuft jeder einzeln linkswärts in einem Bogen“. Sowohl Bursche als auch Mädchen laufen klatschend um die Mitte. Bei MaikeW wird nur je einmal pro Takt geklatscht.

Was in den Tanzbeschreibungen nicht steht, da es eine Selbstverständlichkeit war, sind die Referenzen. Die gegenseitigen Referenzen sind das Verbeugen der Tänzer und das Verneigen der Tänzerinnen vor und nach dem Tanz. Die erste Referenz auf dem Tanzboden vor Beginn des Tanzes gehört dem Tanzpartner, die zweite dem „fremden“ Partner zur Seite. Umgekehrt ist es beim Ende des Tanzes. Hier gehört die erste Referenz dem „Fremden“ und die letzte dem eigenen Partner.

Möge unser Tanzen voll „Wirbelns und Geschrei“ sein und überschäumende Lebensfreude ihren Platz in unserer Mitte finden.

Geschrieben von Mario Hecker


Quellen

  • Otto Ilmbrecht: Westfälische Heimattänze. Hanseatische Verlagsanstalt, Hamburg, 1931
  • Otto Ilmbrecht: Bückeburger Heimattänze. Hanseatische Verlagsanstalt, Hamburg, 1937
  • Margrit Vogt: Alte niederdeutsche Volkstänze. F. Coppenrath Verlag, Münster, 1986, Seite 76
  • Tanzbeschreibung von Walter Bucksch, Volkstanzkreis Freising,
    www.bairisch-landlerisch.de/maike/, November 2008
  • Tanzbeschreibung der Schaumburger Tanz- und Trachtengruppe Seggebruch e. V.,
    www.trachtengruppe-seggebruch.de/html/maike.html
  • Herrmann Salzwedel, Heinrich Weiland: Wo die roten Röcke fliegen. Trachten und Volkstänze aus dem Schaumburger Land. Esche-Verlag, Bückeburg, 2. Auflage 1981

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