Deutsche Gesellschaft für Volkstanz e.V.

Die Tanzgruppe der Interflug trug passend zu ihren internationalen Tänzen, Kostüme aus verschiedenen Ländern.

Zu der Abschlussarbeit der DGV-Tanzleiterausbildung von Claudia Schier zu dem Thema „Ein kleines Stück Berliner Volkstanzgeschichte“ erreichte uns folgende Leserzuschrift von Waltraud Stark. Sie ist heute künstlerische Leiterin der Folkloretanzgruppe Berlin-Köpenick e.V.

Mit großem Interesse habe ich die Artikel gelesen. Vieles daraus ist mir bekannt, einiges nicht, da es Berlin betrifft. Klarstellen möchte ich noch, dass an dem großen Tanzfest in Berlin nicht die Interflug-Gruppe teilnahm sondern die Tanzgruppe vom Schwermaschinenbau Heinrich Rau in Wildau, die ich unter meinen Geburts-namen Waltraud Paulick leitete. Die Tanzgruppe der Interflug entstand im Dezember 1978.

Da ich im Randgebiet Ostberlins wohnte, nahm meine Ausbildung im Volkstanz einen ganz anderen Weg. Als ich im Jahr 1952/1953 Lehrling im Schwermaschinenbau in Wildau war, wurden dort diverse Kulturgruppen aufgebaut. Dazu gehörte auch eine Tanzgruppe – allerdings ohne Leiter. Ein Lehrer für Gesellschaftstanz versuchte sein Glück, was aber nicht so lief. Mehr recht als schlecht tanzte man sich durch. Eine Tänzerin vom Hans Otto Theater in Potsdam kam gleich mit einer Tarantella und Tamburin. Wir waren mehr Zuschauer und sie tanzte. Es war ein Reinfall.

Dann bekam ich ein Angebot des Betriebes, einen Lehrgang zu besuchen. Ich nahm an und alles Weitere baute sich darauf auf.
Wildau gehörte zum Kreis Königs-Wusterhausen, Bezirk Potsdam. Hier wurde vom Bezirks-Zentralhaus für Volkskunst in Potsdam ein Lehrgang für Leiter für Volkstanzgruppen nach Stoffplan A intensiv in Jüterbog vom 18. bis 31. Oktober 1954 durchgeführt. Nach gutem Abschluss konnte man den Folgelehrgang Stoffplan B intensiv in Luckenwalde vom 23. Januar bis 13. Februar 1956 absolvieren. Beides gelang mir mit gutem Erfolg.

Viel Unterstützung vom Betrieb

Ich hatte also für die nächsten Jahre Zeit, eine gute Gruppe aufzubauen. Der Betrieb gab viel Unterstützung. Rote Röcke, schwarze Mieder, weiße Schürzen und Blusen waren unser Grundkostüm. Die Jungen hatten schwarze Hosen, weißes Hemd und rote Westen. Meine Mutter hatte als Schneiderin alle Hände voll zu tun. Einen Pianisten hatten wir auch.

Im Oktober 1956 wechselte ich den Arbeitsplatz nach Suhl/Thüringen und übernahm zusätzlich dort zwei Tanzgruppen – Lehrlinge und Erwachsene. Eine neue Herausforderung war hier eine große Orchesterbegleitung für die Tanzgruppen, der Leiter selbst begleitete immer das Tanztraining. Es war eine gute Erfahrung und ein schönes Arbeiten. Wir hatten viel Spaß.

In dieser Zeit wurde vom Zentralhaus Leipzig ein zentraler Lehrgang für Stufe C für Tanzleiter in Colditz bei Leipzig in der Schule für künstlerisches Volksschaffen vom 13. Mai bis 8. Juni 1957 angeboten. Da ich die beiden anderen Lehrgänge mit gutem Erfolg abgeschlossen hatte, konnte ich hier teilnehmen. Der Betrieb gab für die vier Wochen eine Freistellung und übernahm die Kosten.

Diese Schule führte Erich Janietz. Dozenten waren Brigitte Ret, Rolf Schneider und Eva Rechkova aus Prag mit tschechischen Tänzen. Erich Janietz nahm auch die Prüfungen mit ab.

Hinzu kamen auch hier Auftritte in der Umgebung. Wir hatten also einen vollen Tag. Zur Ausbildung gehörte auch das Exercise für Folklore an der Stange. Es war eine große Herausforderung. Man konnte jetzt auch viel Tanzmaterial erwerben und eine Mappe mit einem Grundkostüm aufbauend für die Regionen in Deutschland.

Vollbeschäftigt nach der Arbeit

Zwischenzeitlich folgte ich einem Aufruf für eine Aufnahmeprüfung im Staatlichen Tanz- und Gesangsensemble der NVA „Erich Weinert“. Die Prüfung hatte ich bestanden und man wollte sich bei Bedarf melden.

„Auch das Politische gehörte mit allen Facetten zur Ausbildung.“

Ende September kam die Nachricht und ich musste in Suhl sofort aufhören, da ich am 1. Oktober 1957 im Erich-Weinert-Ensemble anfing. Dies war eine kolossale Umstellung – in jeder Beziehung. Klassisch an der Stange, französische Begriffe im Ballettsaal, Unterricht auch bei Jean Weidt, Folklore deutsch, russisch und so weiter. Auch das Politische gehörte mit allen Facetten zur Ausbildung. Es war eine schöne, lehrreiche und interessante Zeit mit Höhen und Tiefen.

Bis zum 31. Januar 1958 blieb ich dort, danach ging ich wieder in den Kreis Königs-Wusterhausen. Hier waren vom Kreis mehrere Tanzgruppen zu betreuen – nach der Arbeit. Das bedeutete, dass die verschiedenen Gruppen mit einem Pianisten in wöchentlichen Abständen aufgesucht wurden. Man übte Tänze, die sie alle alleine in der nächsten Zeit einüben konnten. Es gab keine Leiter in der Umgebung. Die Arbeit musste aber später eingestellt werden, weil sich die Pianisten alle in den Westen absetzten. Ich wusste davon nichts, wurde dazu aber befragt. Zusätzlich betreute ich aber noch zwei Gruppen der NVA. Das bedeutete Vollbeschäftigung neben der Arbeit.

Neuanfang mit einer Kindertanzgruppe

Durch diesen Einsatz konnte ich mit Nachdruck meine Freistellung für eine Arbeitsaufnahme in Berlin durchsetzen. Denn man konnte nicht einfach von außerhalb in Berlin eine Arbeit aufnehmen.

Meine neue Arbeit in Berlin, abends die Arbeit mit den Tanzgruppen, die weiten Fahrwege – das war Stress und ich gab später die Gruppen vom Rat des Kreises ab.
Auch eine Gruppe der NVA wurde durch Abgänge aufgelöst und die Arbeit mit der letzten NVA-Gruppe wurde durch Schließung der Dienststelle beendet.

Eine Weile war ich ohne Gruppe bis eines Tages ein Pionierleiter aus Schönefeld vor meiner Tür stand und mich bat, eine Kindertanzgruppe aufzubauen. Er kam vom Rat des Kreises in Königs-Wusterhausen.

Im Mai 1962 war der Start. Unterricht war in einem kleinen Klassenraum, den man heizen und aus- und einräumen musste. Mein Partner war ein perfekter Akkordeonspieler, der sich überzeugen ließ, statt Tanzmusik zu spielen die Tanzgruppe zu begleiten. Bei Auftritten vor Kindern und Jugendlichen in Pionier- oder FDJ-Kleidung musste ich mir dann allerdings jemand anderen suchen. Er lehnte es ab, dort zu spielen. Allerdings konnten die Kinder ja nichts dafür. Zum Glück kannte ich Leute, die dann kurz-fristig einsprangen und perfekt vom Blatt spielten.

Fundierte Weiterbildungen genutzt

In der ganzen Zeit nahm ich – soweit es ging – an Wochenendschulungen und Weiterbildungen in Potsdam und Berlin teil und suchte auch nach Weiterbildungsmöglichkeiten im Berliner Haus für Kulturarbeit. Ich schaffte es dann, an einem Fernstudium in Berlin vom 2. April 1977 bis Ende Dezember 1980 teilzunehmen. Die Bezirkskulturakademie in Berlin mit dem Berliner Haus für Kulturarbeit führte eine Spezialausbildung für Leiter des künstlerischen Volksschaffens mit staatlicher Anerkennung durch.

Alle drei bis vier Wochen war ein komplettes Wochenende dafür ausgebucht. Auch Zusatzprogramme zwischendurch mussten absolviert werden – zum Beispiel ein ganzes Wochenende polnische Tänze. Klassisches Erxercise war auch voll im Programm. Das hatte ich zwanzig Jahre nicht mehr gemacht.

Es gab Freistellungen – aber die Zeit musste nachgearbeitet oder es musste Urlaub genommen werden. Ich musste das Studium (und auch andere Weiterbildungen) voll bezahlen und war dann Leiter für Laienbühnentanz.
Hier die Fächer im Einzelnen:

  • rhythmisch-musikalische Erziehung
  • Grundlagen des klassischen Tanzes (Exercise)
  • deutsche Folklore (hier standen die Ansätze und Ausführung der Schritte im Vordergrund)
  • Grundlagen des neuen künstlerischen Tanzes
  • Schaffung von Tanzwerken, Raumgestaltung
  • Methodik der Gruppenanleitung
  • Choreografien für die Bühne usw.
  • Körper- und Bewegungsschule
  • Lehre vom Schönen (Ästhetik)
  • Zentren der Tanzkunst, Tanzgeschichte
  • Pädagogik, Psychologie
  • Rhythmik usw.
  • politische Entwicklung der DDR
  • Einführung in die marxistisch-leninistische Tanzwissenschaft usw.

(Die letzten beiden Themen über drei Stunden – das nervte schon.)
Viele weitere Weiterbildungen folgten: 1984 bis 1989 jeweils immer eine Woche intensiv Folklorelehrgang in Neubrandenburg bei Aenne Goldschmidt, zusätzlich in der Staatlichen Ballettschule in Berlin die internationalen Sommerkurse acht- bis 14-tätig – von Mittags bis abends internationale Folklore und Hospitation im Klassischen bei Professor Martin Puttke.

Es war nie langweilig, aber auch anstrengend.

Auch ein Erntetanz gehörte zum Repertoire der Tanzgruppe der Interflug. Hier Anfang der 80er Jahre.Neue Gruppen aufgebaut

1978 im Dezember wurde die Folkloretanzgruppe der Interflug aufgebaut. Sie entstand aus den ehemaligen Mitgliedern der Kindertanzgruppe, die immer mal wieder vorbeischauten. Es gab bereits einen Chor und ein Orchester, eine Tanzgruppe fehlte noch. Wir waren dann zehn Paare. Wir hatten die Pianistin der Ballettschule (dort auch für Folklore zuständig) für uns gewinnen können. Es war toll mit ihr zu arbeiten. Viele Choreografien sind außerhalb der Trainingszeit entstanden.

Die Gruppe entwickelte sich mit Unterstützung des Betriebes sehr schnell und auch sehr gut. Wir hatten Kostüme, die den Trachten angeglichen waren. Auch hier steckte viel Arbeit und Zeit drin. Aber es machte viel Spaß. Später wurde eine zweite Gruppe mit Nachwuchstänzerinnen und -tänzern aufgebaut und nach und nach in die andere Gruppe übernommen.

„Die Diskussionen blieben nicht aus, aber ich war nicht bereit, hier etwas zu ändern.“

Ich wurde von höheren Stellen im Kulturbereich (nicht vom Betrieb) angesprochen, doch Tänze mit Traktoren und politischen Themen auf die Bühne zu stellen. Meine Antwort war eindeutig - im Volkstanz, aus dem die Folklore eigentlich hervorgegangen ist, gibt es so was nicht. Wir tanzen internationale Folklore, weil wir zur Interflug gehören – das ist unser Ziel. Punkt und aus. Die Diskussionen blieben nicht aus, aber ich war nicht bereit, hier etwas zu ändern. Später hatte ich Ruhe.

Für die Tanzgruppen gab es Einstufungen in Leistungsklassen. Mit der Interflugtanzgruppe haben wir alle Einstufungen bis zur „Oberstufe sehr gut“ geschafft. Höher ging es nicht. Auch haben wir den Titel „Hervorragendes Volkskunstkollektiv der DDR“ verliehen bekommen und ich wurde persönlich mit der „Medaille für Verdienste im künstlerischen Volksschaffen der DDR“ ausgezeichnet.

Die Einstufung brachte der Interflug bei Veranstaltungen mehr Geld für den Auftritt der Gruppen. Durch die Auszeichnungen wurde jedes Mitglied mit acht Mark eingestuft (mal Personenzahl der tanzenden Gruppe). Meine Einstufung belief sich auf 25,- Mark. Die Kostüme waren sehr teuer und viel ging dafür drauf.

Neue Verbindungen gesucht

Leider hielt sich die Gruppe nur bis zur Wende. Es gab viele Veränderungen, jeder hatte arbeitsmäßig neue Aufgaben. Einige wenige Leute trafen sich immer noch in regelmäßigen Abständen – bis zur Auflösung der Gruppe vor zwei Jahren.

Ich suchte neue Verbindungen im Tanz – über andere Gruppen, in der LAG Tanz, in den alten Bundesländern. Auch brachten Tanzreisen nach Griechenland und in die Schweiz neue Erfahrungen und Tänze.

Zwischenzeitlich baute ich die Folkloretanzgruppe Berlin-Köpenick auf. Sie feierte voriges Jahr bereits ihr zwanzigjähriges Bestehen. Früher gehörten wir zur Musikschule Köpenick und mussten uns dann aber als eingetragener Verein neu gründen, um weiter bestehen zu können. Auch hier sind unsere Ziele hoch. Die Qualität wie bei der Interflug werden wir aber nicht erreichen können. Die Gruppe ist anders aufgebaut und viele fingen erst spät an zu tanzen. Es kommen ständig neue Leute hinzu. Dadurch ist der Unterricht nicht gerade leichter, aber es ist toll für die Gruppe. Auf die ehemaligen Mitglieder der Kindertanzgruppe kann man natürlich gut aufbauen - wenn alle da sind. Doch auch sie haben inzwischen Familie und kleine Kinder. Es ist eine gemischte aber auch tolle Gruppe, die sich bemüht alles umzusetzen, was gefordert wird. Es ist nicht immer einfach, aber das „Wir-Gefühl“ ist vorhanden und das ist entscheidend.

Unsere jetzige Pianistin kommt von der Musikschule und spielte früher auch klassisch an der Ballettschule Berlin.

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