Deutsche Gesellschaft für Volkstanz e.V.

Selbst der einfachste Volkstanz ist in sich schon höchst komplex. So nahm ich es als Tanzanfänger wahr, und so erachte ich den Tanz als geübter Tänzer als herausforderndes Multitasking in seiner Multidimensionalität.

Wir zerlegen oft den Tanz in Einzelteile, in Abschnitte, wenn wir ihn anderen beibringen. Und fügen am Ende all die Teile wieder beisammen. Sei es, dass wir Teile eines Tanzes in der zeitlichen Reihenfolge einüben oder vom Schwierigen zum Einfacheren oder umgekehrt gehen. Genauso möchte ich in diesen Beiträgen vorgehen, aber nicht die einzelnen Teile, sondern die unterschiedlichen Dimensionen des Volkstanzes näher betrachten. Vielleicht kann es uns von Nutzen sein, die Ursache des Gelingens oder Nichtgelingens eines Tanzes zu erkunden. Es darf uns helfen das Ausmaß, die Weite unseres Tanzes zu erahnen und uns neue Perspektiven schenken.

„Der Volkstanz, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2020. Dies sind die Abenteuer des Raumschiffs Volkstanz, das mit seinen Tänzerinnen und Tänzern unterwegs ist, um neue Welten zu erforschen, neues Leben und neue Stärken. In bewusster Verbundenheit mit der Erde, dringt der Volkstanz in Galaxien vor, die schon Generation von Menschen zuvor gesehen und berührt haben.“ (Es muss nicht immer der Star Trek der Enterprise sein!)

ICH – meine persönliche Richtung

Tanz: ICH – meine persönliche RichtungCogito, ergo sum (aus dem lateinischen: „ich denke, also bin ich“ von René Descartes). „Hier stehe ich und kann nicht anders. Amen“ (Luthers Worte vor dem Reichstag zu Worms). „Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu.“ (Ödön von Horváth, Zur schönen Aussicht).

Es ist meine Bewegung, mein Eindruck und Ausdruck, mein Empfinden, meine Freude und Begeisterung. Ich gehe aus mir heraus und bin außer mir. Ich komme ins Schwitzen und außer Puste. Es macht mir eine Gänsehaut. Ich finde meine persönliche Richtung und stehe zugleich im Widerspruch zu mir selbst. Und gehe über mich hinaus. Das in mir ruhende und bewegte Ich, das Distanzlose, vor dem ich nicht weglaufen kann und das mit mir auskommen muss, in ihm finde ich verborgen oder offenkundig meine Kraft und Schwäche, meine Möglichkeiten und Grenzen.
Und dann tanze ich - oft über mich hinaus und entdecke mich neu. Ich tanze mich. Ich tanze ganz und tanze mit allen Sinnen und manchmal von allen Sinnen. Und ich tanze.

 

Jeder Mensch ist einzigartig. Das gilt natürlich auch für alle Tiere. Halten Sie es fest für immer. Hier: Ich-Denkmal in Frankfurt am Main. Ein zweites steht in Kassel, ein drittes in Bielefeld
Jeder Mensch ist einzigartig. Das gilt natürlich auch für alle Tiere. Halten Sie es fest für immer. Hier: Ich-Denkmal in Frankfurt am Main. Ein zweites steht in Kassel, ein drittes in Bielefeld
„Der Schritt verrät, ob einer schon auf seiner Bahn schreitet [...]. Wer aber seinem Ziele nahekommt, der tanzt“. (Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra).
„Hoppla jetzt komm‘ ich. Alle Fenster auf, alle Türen auf und die Straße frei für mich …“. Ohne mich, geht nix! Ich bin das Zentrum. Das Leben und die Welt drehen sich um mich. Ich bin der Mittelpunkt des Universums. Ich drehe mich um mich selbst und die Erde dreht sich um mich. Ich bin der Maßstab aller Dinge. Ich bin mir selbst der beste Freund. Ich genüge mir. Ich bin’s wirklich. Denn ich bin es mir wert. Ja, das gönne ich mir. In meiner Selbstverliebtheit genüge ich mir selber. Denn meinereiner wird gebraucht. Ich habe Selbstbewusstsein und Selbstsicherheit. Ich führe zum Tanz.

 

Meine authentischen Ich-Botschaften sind Selbstoffenbarungen und Selbstkundgabe. Und dann komme ich zu mir selbst. In diesem verankerten, verwurzelten und standhaften Ich, ruhe ich in mir selber – wie ein Buddha. Ich bin mit mir selber identisch und authentisch. Und aus dieser Nabelschau und Selbstwahrnehmung heraus sprudelt eine Quelle der Kreativität und Aktivität und Schaffenskraft. – Ich tanze, darum bin ich.

Na ja, ich gestehe die Eindimensionalität und manche egoistische Selbstverliebtheit. Aber hier ging es nur um die erste Dimension des (Volks-)Tanzes, um die des ICHS.
Beim nächsten Beitrag bist DU dran.

DU – mein Gegenüber

Tanz: DU – mein GegenüberDiesmal bist DU dran, so habe ich es zuletzt versprochen. Als hätte ich mit mir nicht schon genug zu tun. Doch diesmal kommst Du zum Zug. Wir starten in die zweite Dimension des Volkstanzes. „Du, Du und wied‘rum Du und sonst keine auf der Welt.“ (Walzerlied der Ungarndeutschen). Du hast meine ganze Aufmerksamkeit.

Ah, da ist jemand. Ein echtes Gegenüber reagiert. Wir korrespondieren. Du antwortest. Du agierst und reagierst. Du gibst mir einen Impuls. Du lässt mich alles vergessen. Du gibst mir Flügel. Du bist mir eine Hilfe. Du gibst mir so viel Halt. Du liegst gut in der Hand. Du liegst mir am Herzen. „Freude und Schönheit tanzen immer an jenen Orten, wo Augen sich offen begegnen“ (Andreas Tenzer). Welch magischer Ring verbindet uns. Gemeinschaft wird fassbar. Wir sind zusammen mehr, als die Summe des Ichs und des Dus zusammen. 1 + 1 = 3. Ich und Du und Wir. Wir nehmen einander ernst und stellen uns auf den anderen ein. Was machst Du nur mit mir? In der bewegten Nähe entpuppt sich eine Person.

Was ist das für ein Spiel? Wenn’s kalt und warm wird auf einmal. Wenn’s gut geht, dann kribbelt’s. Können wir miteinander? Ist das nicht ein wunderschönes Spiel? „Der Ball ist rund und das Spiel dauert 90 Minuten“ (Sepp Herberger). Die Musik spielt auf und das Spiel dauert einen Tanz. Wer über die Musik hinaustanzt, ist schon verloren. Hat sich schon verloren. Wir können nur einander finden und uns verlieren, sonst sind wir verloren. „Mir gewwe alles“ (mittelhessisch). Der volle Einsatz für einen Tanz.

Aber warum stellst Du immer Deine Füße unter die meinen? Wie krieg ich sie rum? Werde ich die Nuss knacken? – Du wirst mir zur Last. Das andere Wesen. Eine ewige Diskussion. Der ewige Krieg der Geschlechter. Du bist mir so fremd. Du bleibst mir ein Rätsel. Wir verstehen uns ja sonst ganz gut, aber Tanzen wird immer zur Katastrophe. Das ist nicht zum Aushalten. Du bist nicht zum Aushalten!

Sein oder Nichtsein – das ist hier die Frage. Bestehen oder Scheitern? Beziehung oder Beziehungskrise? Sympathie oder Antipathie? Da geht was oder das wird nie was? Duo oder Duell? Tanz oder Krampf? Alles oder Nichts!

Da sehe ich Justitia auf dem Gerechtigkeitsbrunnen auf dem Römerberg, dem Platz vor dem Frankfurter Rathaus (Römer) stehen. In ihrer Rechten hält sie das scharfe Schwert der Gerechtigkeit um Recht und Unrecht haarscharf zu trennen. In ihrer Linken hält sie eine Waage, die Waage, die ein Urteil abwägt. „Dieses Tanzpaar sollte getrennt werden. Du und Du – aber nicht zusammen.“
Und jenes Tanzpaar? Oh ja und oh je ein Jing und Jang. Ein Geben und Nehmen. Ein Führen und Geführt werden. Und finden in Balance zueinander. Du, was für ein Tanz, was für eine Harmonie und Ausgeglichenheit. Ein Bild für die Götter. Wir haben unterschiedliche Rollen. Und als seien sie füreinander geschrieben, tanzen sie dahin. Du bist ein Hauptgewinn!

Fazit: Das Gegenüber ist ein Geschenk

Die zweite Dimension des Volkstanzes schenkt uns ein Gegenüber. Darüber hinaus eröffnet die zweite Dimension den Raum, Wege, gibt uns Richtung und Ausrichtung. Volkstanz schenkt uns Bewegungsraum, Raum zum Atmen, Raum zum Gestalten und ein Zuhause. Volkstanz schenkt uns Wege zueinander, miteinander und manchmal auseinander. Volkstanz schenkt uns eine gute Ausrichtung aufeinander.

Tanzen in 3D – Dreidimensionalität und Körperlichkeit

Figur
„Wir begegnen dem Menschen (beim Tanzen) in seiner körperlichen Beschaffenheit, Körperhaftigkeit, Leiblichkeit, Pracht und Begrenztheit seiner ganzen Stofflichkeit“

Es ist nicht nur das Bild, sondern es ist nun der ganze Mensch in seiner ganzen Entfaltung, ein ganzer Körper, Körperlichkeit in 3D, in der Dreidimensionalität. Ein Mensch in seiner körperlichen Beschaffenheit, Körperhaftigkeit, Leiblichkeit, Pracht und Begrenztheit. Wir begegnen den Menschen in seiner ganzen Stofflichkeit. Er besteht aus einer stofflichen Substanz, aus Materie. Wir tanzen mit der Materie Mensch dieser Erde. Aber neben der Materialität, sind da auch die Plastizität und die Art Raum einzunehmen und greifbar zu sein. Diese Räumlichkeit kann unter verschiedensten Winkeln erfahren und betrachtet werden. Das Gegenüber in seiner ganzen Komplexität und Vielschichtigkeit, in seinem Erscheinungsbild, seiner Gestalt, seinem Habitus und seiner Wirkung. Ein Mensch zum Anfassen, eine körperliche Gestalt und Form, die berührt. Eine Gestalt voller Schönheit, Zierlichkeit oder Größe. Ein Partner zum Anlehnen, Anschmiegen, Festhalten und zum Halt finden, zum in Kontakt treten. Ihm fühle ich mich verbunden und gebunden. Ein Körper mit Ausdruck in Gestik und Mimik, in Körpersprache setzt er sich in Szene, ist gut anzuschauen. In manchem uns ähnlich aber dann doch ganz anders, vertraut und fremd zugleich. Verbunden, verflochten, vereint und in seiner Begrenztheit fass­lich, ertastbar und begreiflich. Bewegt führt er durch den Raum. Tanzraum eröffnet sich.

Hüpfen und Springen, Tanzen und Singen. Die Entdeckung der Vertikalen.

Willst du wieder „hibbe“ gehen? So fragte mich einst meine Mutter, um zu erfahren, ob ich zum Volkstanz gehe. Hüpfen und Springen, Tanzen und Singen – so ist Volkstanz. Das Herz springt und hüpft vor Freude, eine Lebenslust, die Emotionen zeigt. Wenn Tänzerinnen und Tänzer springen, dann springt das Herz vor Glück mit. Es tanzt ein bewegtes Herz. Hüpfen weckt Lebensgeister. Tanz schüttelt den Müden aus dem Schlaf, gibt Lebenskraft und Lebensmut und macht manchen gar übermütig. Das gibt Power. Das macht Tote lebendig. Denn müde werde ich erst später nach dem Tanz.

Mit der dritten Dimension kommt die Vertikale ins Spiel. Der Volkstanz setzt sich gegen andere Tanzarten hier deutlich ab. Die Vertikale ist für den Volkstanz mit stilprägend. In den meisten Tanzarten spielt die Z-Achse, die Hoch-Tief-Bewegung keine Rolle. - Mit Highheels ist das auch kaum möglich. - Beim Volkstanz geht es durch Höhen und Tiefen. So dient das Federn in den Knien der musikalischen Betonung und Akzentuierung. Es hat aber auch den technischen Hintergrund, sich beim Tanzen ins Gleichgewicht zu bringen, besonders beim Drehen und auf unebener Tanzfläche. Der Körper wird neu kalibriert, ausgerichtet und ausgelotet. Das bewegte Leben wird ins Lot gebracht. Die Tänzer:innen orten sich neu, indem sie leicht die Knie gebeugt in den Tanz „setzen“ und so tief und fest auf dem Boden stehen. Sie stehen mitten im Leben und sind verwurzelt mit der Heimat.

Den Boden unter den Füßen spüren sie, seine Wärme nehmen sie wahr. Zu dieser Erdung gehört auch der Akzent des Stampfens. Mit dem Stampfen wird bei der Erde angeklopft mit Bitte um Wachstum und Gedeihen. Daran wird die Verbundenheit, Treue und Bodenständigkeit der Menschen vom Land deutlich. Unsere Volkstänze wurden vor allem in der Agrar-Gesellschaft lange gepflegt und lebendig gehalten. Hier wurde der Boden bereitet für eine lange Tanztradition.

Die Erschaffung Adams
Volkstanz ist ein Gebet an die Erde um Leben, denn alles Leben kommt aus der Erde. Hier ein Ausschnitt aus Michelangelos Fresko „Die Erschaffung Adams“. Adam ist der aus der Erde Erschaffene

Tanzen zwischen Himmel und Erde

„Tanzen ist ein Gebet an die Erde um Aufhebung der Schwerkraft“ (Fred Astaire). Volkstanz ist ein Gebet an die Erde um Leben, denn alles Leben kommt aus der Erde. So heißt der erste Mensch in der Bibel: Adam. Adam ist der aus der Erde geschaffene. Adama ist das hebräische Wort für Erde. Adam ist der aus der Adama geschaffene. Die Erde ist die Mutter allen Lebens – Mutter Erde, Ursprung aller Fruchtbarkeit und alles Wachstums. Alles Leben erwächst aus der Erde. Meist nicht bewusst hat das Anklopfen an der Erde einen ursprünglich rituellen Hintergrund: Hallo ich will leben - Mutter Erde nähre mich.

Tanzen ist kein sinn- und zweckloses Dahinhoppeln. Tanzen hat einen kultischen, rituellen Ursprung. Tanzen ist ein Pilgerweg und Prozession mit Zielpunkt. Der Himmel als Gegenüber zur Erde ist die Tankstelle für Lebensodem. Aller Segen kommt von oben. Aller Regen und alles Regen kommen von oben. Deshalb strecken sich Menschen Gott entgegen. Mit Gott im Gespräch sein – im Austausch bleiben findet seine ursprüngliche rituelle Form im Tanz. Tanzen ist Gottesdienst, ist Schöpfung, ist ein Gebet an den Schöpfer allen Seins. Tanzen bedeutet Leben schöpfen in seinem Ursprung. Tanzen bringt Himmel und Erde beieinander, bringt Gottesnähe. Was soll aus der Schöpfung werden, wenn wir in keiner Verbindung zum Schöpfer stehen? In diesem Weltbild ist die Tänzerin beziehungsweise der Tänzer dem Himmel so nah, ist Vermittler zwischen Himmel und Erde. Es ist ein Tanz auf der Jakobsleiter (Genesis 28,11). Himmel und Erde werden miteinander verbunden und zusammengebracht. Mit diesem Gottesfunken wird der Segen auf die Erde gelenkt. Uns nicht mehr bewusst haben sich die alten Bewegungsformen bis heute in der Betonung der vertikalen Tanzbewegungen erhalten. An ihrer Bedeutung haben sie verloren. Die vertikale Tanzbewegung, die Schwerkraft und das Entgegenstrecken aber bleiben.

Tanzen ist der Raum in dem sich ein ganzer Kosmos gemeinsam bewegt. Wo können wir unserer körperlichen, geistigen und seelischen Bewegtheit mehr Platz verschaffen? Wo sind wir dem Glück und dem Himmel so nah? Wo wird Raum ganzheitlich zur Heimat? Dieser Raum will ertanzt werden.

Bei der nächsten Betrachtung wollen wir uns Zeit für die vierte Dimension nehmen. Sei bereit für neue Welten!

Kontakt / Mitgliedschaft

Bei Fragen, Anregungen oder Interesse an einer Mitgliedschaft in der DGV benutzen Sie bitte unser Kontaktformular.
Oder schreiben Sie uns an info@volkstanz.de.

Wenn gewünscht, werden wir Ihnen weiteres Informationsmaterial zusenden.

Termin teilen

Bitte schicken Sie uns Ihre Termine an termine@volkstanz.de.

Immaterielles Kulturerbe – Wissen. Können. Weitergeben.Die „Volkstanzbewegung in ihren regionalen Ausprägungen in Deutschland“ ist eingetragen im bundesweiten Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes in Deutschland.

Mitstreiter gesucht!

  • Interessiert du dich für den Volkstanz?
  • Möchtest du, dass dieses wertvolle immaterielle Kulturgut erhalten bleibt und an spätere Generationen weitergegeben werden kann?
  • Möchtest du, dass Volkstanz lebt, begeistert und mitreißt?
  • Möchtest du dich auch überregional mit diesen Aufgaben befassen?

Wenn du nur zwei dieser Fragen mit „Ja“ beantworten kannst, solltest du dich mit uns in Verbindung setzen. Für den Vorstand der DGV suchen wir Gleichgesinnte. Bitte melde dich beim DGV-Vorsitzenden Reinhold Frank
Tel. 07 11 - 68 19 17,
E-Mail: r.frank@volkstanz.de
oder bei einem andern Vorstandsmitglied.