Deutsche Gesellschaft für Volkstanz e.V.

Die neu ausgebildeten DGV-Tanzleiterinnen und Tanzleiter fertigten auch eine schriftliche Arbeit an. In dieser Ausgabe wollen wir die Arbeit von Claudia Schier aus Berlin unter dem Titel „So tanz(t)en wir! Ein kleines Stück Berliner Volkstanzgeschichte von 1945 bis heute (2011)“ fortsetzen. Den Teil I finden Sie im Heft 2/2012, Seite 17 ff, Teil II im Heft 1/2013, Seite 19 ff, Teil III im Heft 2/2013, Seite 17 ff.

Claudia Schier hat mit ihrer Arbeit versucht, einen Überblick über die Volkstanzlandschaft in Berlin nach dem 2. Weltkrieg bis in die heutige Zeit, zu geben. Es ging darum, die Volkstanzgeschichte in Ost- und Westberlin in den bewegten Jahrzehnten in Wort und Bild für die nächsten Generationen festzuhalten. Ein besonders interessanter Aspekt war die Betrachtung und der Vergleich der Entwicklung des Volkstanzes in der geteilten Stadt.

In der Arbeit sind zahlreiche Originaldokumente enthalten, die wir hier nicht alle abdrucken können. Besonders authentisch ist der Inhalt durch Befragung vieler Zeitzeugen. Claudia Schier regt an, die Arbeit unbedingt fortzuschreiben. – d.Red.

Fortsetzung im Westteil Berlins

1956: Das erste Treffen der Volkstanzgruppen in Berlin konnte stattfinden. Es kamen 37 Gruppen mit insgesamt 600 Teilnehmern. Das große Volkstanzfest, der Höhepunkt des Festes fand in der Schöneberger Sporthalle statt.

Dieses Treffen wurde von den vielen Gruppen mit großer Begeisterung angenommen und so ergab es sich, dass es nun regelmäßig (mit kleinen Ausnahmen) alle zwei Jahre in Berlin stattfindet. Es entstanden feste Kontakte zu anderen Gruppen im In- und Ausland. Somit wurde die Gruppenarbeit interessanter und man unternahm Reisen zu den verschiedensten Gruppen in Deutschland, den Niederlanden, in Norwegen und in Schweden und Dänemark. Es fanden wechselseitig Lehrgänge statt und alle Tänzer lernten die typischen Tänze der anderen Gruppen und Landschaften. Das ist bis heute noch so, allerdings nicht mehr in den Ausmaßen wie damals.

Die Senatorin für Jugend und Sport Ella Kay begrüßte die Gäste aus dem In- und Ausland beim zweiten Berliner Tanzfest in der Deutschlandhalle
Die Senatorin für Jugend und Sport Ella Kay begrüßte die Gäste aus dem In- und Ausland beim zweiten Berliner Tanzfest in der Deutschlandhalle. Foto: Ella Kay

Das zweite Tanzfest dieser Art in Berlin fand im April 1958 statt. Diesmal kamen 57 Gruppen und man zählte 1.500 Teilnehmer. Das war für die Organisatoren des Festes kaum zu bewältigen. Die große internationale Tanzveranstaltung fand diesmal in der Deutschlandhalle statt. Die Senatorin für Jugend und Sport Ella Kay begrüßte die Gäste aus dem In- und Ausland.

Das danach folgende Tanzfest fand erst vier Jahre später, 1962, statt. Von da an wurde es eine bis heute gepflegte und liebgewonnene Tradition.
Der Höhepunkt der Berliner Volkstanzarbeit war das 5. Volkstanztreffen 1964 in Berlin mit 65 Gastgruppen und 1.530 Teilnehmern in der Deutschlandhalle. Bis 1984 fanden die Tanzfeste nun jährlich statt. Danach einigte man sich auf einen Zweijahresrhythmus, der bis auf wenige Ausnahmen immer noch eingehalten wird.

Bis zum Jahre 2000 organisierte Volkhard Jähnert anfangs zusammen mit der Arbeitsgemeinschaft Berliner Tanzkreise, später mit der LAG Tanz Berlin e. V. die Tanzfeste. Dann übergab er die Organisation und Leitung an Anni Herrmann. Seit 2008 nahm sich die Folkloretanzgruppe Köpenick e.V. dieser aufwendigen Aufgabe an, um die liebgewordene Tradition der Herbsttanzfeste nicht einschlafen zu lassen.

Am 27.5.1951 feierte die Berliner Tanzgemeinschaft unter Leitung von Walter Bröscky ihr 30-jähriges Bestehen. Im Kasino wurde mit vielen Gästen und Ehrengästen gefeiert.
Walter Bröscky war ein brillanter Tanzleiter und Tanzforscher. Er leitete außerdem den Arbeitskreis für Gemeinschaftstanz der Naturfreunde in Wilmersdorf.
Sein aus der Tanzgemeinschaft hervorgegangener „Beschwingter Kreis“ besteht noch heute. Rosl Teschendorf erinnerte sich, dass ihre Eltern, beide begeisterte Tänzer, Jahre nach dem Krieg, zum „Beschwingten Kreis“ gingen. Sie durfte mitkommen und kam so dann selbst zum Tanzen. Walter Bröscky war damals der Tanzleiter und Klaus Wagner der technische Leiter. Es wurde dort angeknüpft, wo vor dem Krieg aufgehört wurde. Man tanzte also die Jugendtänze aus den 20er Jahren. Die älteren Mittänzer, die nicht mehr so gut hüpfen und springen konnten, wurden dadurch schnell zu Außenseitern. Deshalb versuchte sich Walter Bröscky an neuen, besinnlichen Tänzen und Tanzspielen. Ein Tanzspiel „Die Großstadtkinder“ wurde 1953 in Neustadt/Holstein während der Europäischen Volkstanzwoche aufgeführt.

Seine Tänze, die er auch in Zusammenarbeit mit Thilo Cornelissen geschrieben hat, sind in dem Buch „Beschwingter Kreis“ zusammengefasst. Er nannte seine Tänze Gemeinschaftstänze, weil sie von Jedem getanzt und mitgesungen werden konnten. Es wurden regelmäßig gesellige Abende veranstaltet. Diese waren immer sehr feierlich mit abgedunkeltem Licht und Kerzenschein. Die Tanzkleidung der Gruppe war eher festlich. Die Herren trugen dunkle Anzüge und die Damen 3/4-lange pastellfarbene Kleider. Der Kreis bestand anfangs überwiegend aus Tänzern über 30 Jahre. Später wurde noch ein Jugendkreis gegründet und viel später kam ein Kinderkreis dazu. Einige Jahre später waren es dann schon mehrere Kinder- und Jugendkreise. Gretel Paetz leitete etwa 1958 in der Waldschule Berlin-Charlottenburg einen Kindertanzkreis.

In Steglitz wurde dann noch ein Jugendkreis von Harry Pelz und ein Kinder- und Jugendkreis von Aenne Homann geleitet. Ob es in den Folgejahren mal eine Tanzpause gab oder nicht, weiß ich nicht. Ich habe auch niemanden gefunden, der mir diese Frage beantworten konnte.

Jedenfalls gründete sich der Kreis im September 1977 noch einmal neu. Irmgard Lemm übernahm damals die Leitung der Gruppe. Bei der Gründung dieses Kreises waren Walter und Gerda Bröscky dabei. Es wurden Volkstänze getanzt. Außerdem wandte man sich den höfischen Tänzen zu. Dazu wurde bei Auftritten auch passende Kleidung getragen. Aufgrund ihres Alters (1913 geboren) übergab Irmgard Lemm dann im Alter von weit über 80 Jahren die Gruppe an Rosl und Horst Teschendorf.
Heute tanzt die Gruppe unter Anleitung von Horst Teschendorf immer noch. Sie tritt regelmäßig bei Veranstaltungen auf und ist auf Tanzfesten immer präsent. Zu Irmchen Lemm (heute 97 Jahre alt) besteht regelmäßiger Kontakt.

Ende der 50er Jahre im Ostteil Berlins

Für die Künstler im Osten gab es Ende der 50er Jahre gravierende Einschnitte für ihre zukünftige Arbeit: Johannes R. Becher, der Gründer des Kulturbundes 1946 und der Akademie der Künste 1950 wurde 1954 zum ersten Kulturminister der DDR. Er wurde von den Parteifunktionären allerdings als viel zu lasch in seiner Arbeitsweise eingeschätzt. Vermittlungsversuche zwischen den Funktionären und den Künstlern endeten oft uneffektiv. Letztendlich scheiterte er an den ständigen aussichtslosen Auseinandersetzungen.

„Somit endete die Zeit, in der sich die Künstler frei und zu Tabuthemen äußern konnten.“

1958 übernahm Alexander Abusch, strenger Verfechter der SED-Kulturpolitik.
Somit endete die Zeit, in der sich die Künstler frei und zu Tabuthemen äußern konnten. Es folgten Konferenzen, die die Künstler der DDR zu einem strengeren Kurs verpflichteten.

Der 4. April 1959 ergab für die Künstler in der DDR eine Wende in ihrer Arbeit. An diesem Tag fand im Elektrochemischen Kombinat Bitterfeld eine Zusammenkunft von Künstlern, Arbeitern, Wissenschaftlern und Staatsfunktionären statt. Dieses Treffen ging später als 1. Bitterfelder Konferenz in die Geschichte ein. Alle Künstler bekamen die Weisung stärker in die sozialistische Produktion zu gehen, um den neuen Charakter der Arbeit besser kennenzulernen und zu erleben. Dadurch sollte eine überzeugendere künstlerische Darstellung des arbeitenden Menschen geschaffen werden. Kunst und Volk, Künstler und Arbeiterklasse sollten enger zusammenrücken, um sich auf diese Weise aktiver an der Bildung des Volkes beteiligen zu können.

Die 60er Jahre

Ihren Höhepunkt hatte die Volkstanzarbeit in Berlin wohl in den 40er, mehr noch aber in den 50er Jahren. In den 60er und 70er Jahren gingen die Aktivitäten deutlich zurück. Gemeinsame Aktivitäten von Ost und West gab es durch den Bau der Berliner Mauer am 13.8.1961 nicht mehr. Private Besuche zu Tanzfesten gab es zwar, aber keine gemeinsamen Gruppenaktivitäten mehr. Im Ostteil der Stadt lösten sich die ersten Betriebstanzgruppen wieder auf. Die Tänzer wurden älter und gründeten Familien oder waren beruflich mehr eingespannt, somit war die Zeit für ausgiebiges Training nicht mehr vorhanden, für Manche wurde aber auch der politische Druck einfach zu groß.

Im Westteil der Stadt sah es ähnlich aus. Gruppen, die in den 50er Jahren mit vielen Mitgliedern und Aktivitäten rechnen konnten, verloren nach und nach ihre Tänzer. Die Musiker, die bis dahin noch aus Spaß an der Freude, oder nur gegen ein sehr geringes Entgelt die Gruppen begleiteten, wollten nun eine Menge Geld für ihre musikalische Begleitung haben. Das konnten sich viele Gruppen nicht mehr leisten. Ohne Musik konnte man nun aber auch nicht mehr tanzen. Nach und nach mussten erst Tonträger, wie Tonband oder Schallplatte bespielt werden. Das kostete viel Zeit und auch Geld. Familie und Beruf waren auch einige Gründe dafür, dass sich die Gruppen verkleinerten oder auflösten, aber auch die sich immer weiter entwickelnde Kultur und Medienindustrie trug dazu bei. Die Interessen der Menschen lagen nun woanders.

Tanzschulen, in denen man die neuesten Tänze wie Cha-Cha, Rumba, Tango und viele neue Modetänze lernen konnte, hatten Hochkonjunktur. Abends ging man nicht mehr zum Volkstanzabend, sondern vergnügte sich auf den Tanzabenden mit neuer moderner Musik. Musik aus den USA und anderen Ländern schwappte zu uns über. Auch die Sportvereine hielten eine Vielzahl verschiedener Trainingsmöglichkeiten bereit.

Gerade in einer Großstadt wie Berlin waren die Freizeitmöglichkeiten plötzlich sehr groß und vielfältiger als zuvor.
Im Ostteil war das „Musikerproblem“ nicht so groß, da die ganzen Betriebsgruppen vom Betrieb selber unterstützt wurden. Somit hatte jeder sein Auskommen. Arbeiterfestspiele, Leistungsschauen, Kreissauscheide, Weltfestspiele, Jugendfestivals und, und, und standen weiter auf dem Plan.

Im April 1964 setzten sich erneut Staats- und Kulturfunktionäre, Künstler und Wissenschaftler der DDR an einen Tisch und zwar zur 2. Bitterfelder Konferenz. Noch einmal wurde über die künstlerische Entwicklung in der DDR diskutiert. Als Folge der ersten Konferenz stellte man fest, dass die Forderungen, die an die Kunst gestellt wurden, eher kontraproduktiv waren. Die seitdem entstandenen Werke in allen Bereichen hatten weder Biss noch Brisanz. Niemand interessierte sich für diese Art von Kunst. Als Folge dessen setzten sich viele Künstler noch vor dem Mauerbau in den Westen ab, um sich dort wieder frei entfalten zu können.

Das Ergebnis der 2. Bitterfelder Konferenz stellte die Lehren des Marxismus-Leninismus in den Vordergrund. Die Künstler sollten sich mit der sozialistischen Lehre befassen, um vorausschauend denken zu lernen. Der zweite Schwerpunkt forderte die weitere Herausbildung der sozialistischen Nationalkultur.

Das Laienschaffen brachte folkloristische Choreographien, wie „Rheinischer Maklott“, „Grüttmarkerjung“ und „Schwedisch-Schottisch“ hervor, aber eben auch die politisch geprägten Gestaltungen, wie zum Beispiel „Ein Erntetag in Thüringen“, „Das Öl bekommt uns gut“ oder „Tanz der Erntehelfer“. Das Staatliche Volkskunstensemble bestand nun schon zehn Jahre. Ohne die Choreografinnen Aenne Goldschmidt und Thea Mass hätte die Folkloreaneignung in der DDR nicht den wissenschaftlich und künstlerisch fundierten Weg genommen.

Im Sinne der sich bildenden sozialistischen Nationalkultur entstanden Werke, wie die Ballettkantate „Das Lied vom kleinen Trompeter“ ein neunteiliges, dramatisches Stück und „Der letzte Schuss“, nach einer bewegenden sowjetischen Erzählung. Beides wurde von Willy Hinzert choreographiert. Weitere Themen, die von verschiedenen Choreographen verarbeitet wurden, waren: „Bataillon Ulrike“, ein Stoff aus der Völkerschlacht von 1813, „Sadako“, ein Thema um den Atombombenabwurf durch die USA auf Japan.

Volkstanzkreis der Naturfreunde: Maienfest im Jahr 1971 am Naturfreundehaus in Hermsdorf
Volkstanzkreis der Naturfreunde: Maienfest im Jahr 1971 am Naturfreundehaus in Hermsdorf. Foto: Gisela Baudach

Kindergruppen tanzten Tanzspiele, wie „Wir ziehen aufs Feld“ oder „Besuch im Zoo“. Diese Neugestaltungen wurden von vielen Laienensembles auf Arbeiterfestspielen und anderen Wettbewerben gezeigt. Dennoch ließen sich aber auch einige Tanzgruppen nicht vom althergebrachten Repertoire abbringen und tanzten weiter überlieferte Volkstänze, Jugendtänze und gesellige Tänze. Man konnte also auch Suiten, in denen Volkstänze verarbeitet wurden, sehen. Diese waren durchaus im Sinne der Pflege unseres Kulturgutes auch willkommen.

1966 wurde in Westberlin vom Senator für Jugend und Sport, nach dem Vorbild anderer Bundesländer die „Landesarbeitsgemeinschaft Tanz Berlin“ ins Leben gerufen.
Die „Arbeitsgemeinschaft Berliner Tanzkreise“ in der alle Westberliner Volkstanzgruppen vertreten waren, wurde nun eine Untergruppe der LAG Tanz Berlin.

Die 70er Jahre

Die Volkstanzarbeit ging weiter zurück, da die meisten kleineren, aber auch einige der großen Gruppen aufgaben. Doch die Gruppen, die weiter arbeiteten waren umso aktiver. In den 70er Jahren fanden nur noch selten bezirkliche Tanzfeste statt. Die Höhepunkte des Jahres waren die Herbsttreffen im Kasino am Funkturm. Die bestehenden Volkstanzgruppen veranstalteten auch weiterhin Lehrgänge und Tanzfeste, entweder auf bezirklicher Basis oder in Zusammenarbeit mit der LAG Tanz Berlin. Weiterhin wurden Treffen mit anderen Gruppen im In- und Ausland organisiert, um alte Kontakte zu pflegen, oder aber auch neue zu knüpfen.

Tanzfreundin Gisela Baudach erzählte mir in einem Gespräch am Rande des Tanzabends, dass sie 1970 zum Volkstanzkreis der Naturfreunde, Leitung Arthur Bolle, im Wedding kam. Die Probenabende fanden in den Jugendheimen Edinburger Straße und Nauener Platz statt. Später tanzte man dann im Jugendheim Bredowstraße im Tiergarten. Die Gruppe trat in mehreren Bezirken Berlins auf, nahm an Festen und internationalen Tanztreffen teil. Die meisten Tänzer tanzten schon von Anfang an in der Gruppe, kannten sich schon aus Wandervogelzeiten. Es wurde auch gesungen und die Geselligkeit kam auch nicht zu kurz.

Bis Januar 1994 tanzte die Gruppe noch regelmäßig, dann löste sie sich aufgrund des hohen Alters der meisten Tänzer auf. Nachwuchs gab es leider nicht.
In Ostberlin schlossen sich 1973 die bestehenden Tanzensembles der Pioniere und der FDJ aus den Bezirken Rostock, Magdeburg, Frankfurt/Oder, Schwerin, Halle, Neubrandenburg und Berlin zum Zentralen Pioniertanzensemble und Zentralen Tanzensemble der FDJ zusammen. Willy Hinzert leitete dieses Ensemble als künstlerischer Leiter und Choreograph von Anfang an bis zum Ende 1989 sehr erfolgreich.

Auftritt des Zentralen Tanzensembles der FDJ im Stadion der Weltjugend unter dem Motto: „Ein bunter Blumenstrauß für unsere Republik“
Auftritt des Zentralen Tanzensembles der FDJ im Stadion der Weltjugend unter dem Motto: „Ein bunter Blumenstrauß für unsere Republik“

Willy Hinzert wurde von den Kindern und Jugendlichen wegen seiner fröhlichen und netten Art sehr verehrt. Er schaffte es, sie für seine Sache zu begeistern. Er studierte mit ihnen sogenannte Tanzbilder ein, die in den großen Stadien zu Weltfestspielen, Jugendfestivals, Pioniertreffen, Kinder- und Jugendspartakiaden, Parteitagen, usw. aufgeführt wurden. An einem Auftritt nahmen bis zu 750 Kinder und Jugendliche teil. Man traf sich vorher in Probenlagern zum Einstudieren. Viele interessante Informationen zum Zentralen Tanzensemble der Pioniere und der FDJ finden sich auf der Internetseite www.zpte.de und www.zte.de . Diese Seite wird von ehemaligen Mitgliedern des Ensembles geführt. Es werden heute noch Treffen organisiert, um sich an alte Zeiten zu erinnern.

Anfang der 70er gab es im Denken der sozialistischen Kultur noch einmal eine Überarbeitung. So konnte man im Bericht des Zentralkomitees zum VIII. Parteitag der SED lesen: „Die entwickelte sozialistische Gesellschaft gewinnt ein neues Verhältnis zum humanistischen Erbe, dessen Pflege und Aneignung für immer mehr Werktätige zum echten Bedürfnis ihrer Persönlichkeitsbildung wird.“ Zum sozialistischen Menschenbild sollte eben ein sozialistisches Nationalbewusstsein gehören, in das die Pflege des Erbes allgemein und speziell des deutschen Volkstanzes gut zu integrieren waren. Die deutsche Folklore wurde von nun an wieder mit allen Kräften gefördert. Die Diskussion über unser kulturelles Erbe bezog sich nicht nur auf den Volkstanz, sondern auch auf musikalische Überlieferungen und auf die deutschen Klassiker der Literatur.

„Aufgrund des neuen Umgangs mit dem kulturellen Tanzerbe, entwickelte sich Mitte der 70er Jahre die Folkszene.“

Die nun neu entstehenden Choreographien sind nun künstlerisch bearbeitete Folklore in Form von Bühnentanz. Es wurden Elemente aus dem überlieferten Volkstanz dabei verwendet. Die Stücke haben nun Namen, wie „Ländlicher Walzer“ von Aenne Goldschmidt, „Die letzte Garbe“ von Thea Mass, „Ernteheimweg“ von Rosemarie Ehm-Schulz usw.

Aufgrund des neuen Umgangs mit dem kulturellen Tanzerbe, entwickelte sich Mitte der 70er Jahre die Folkszene. Öffentliche Tanzveranstaltungen für jedermann, wie sie Erich Krause mit seinem Berliner Volkstanzensemble im Kulturhaus Prater in der Kastanienallee in Prenzlauer Berg regelmäßig veranstaltete, sollte es viel mehr geben. Erich Krause hatte sich im Laufe der Jahre an die Bedürfnisse der Tänzer angepasst. Was anfangs reine Volkstanzfeste waren, wurden in den letzten Jahren gesellige Tanzfeste. Der Volkstanz nahm nur noch einen Teil des Abends ein, ansonsten wurden neue gesellige Tänze, wie Shoo Fly, Mexikanischer Walzer und andere getanzt und es wurde auch Gesellschaftstanz angeboten.

Probenlager zum Jugendfestival 1979 vorn im Bild Willy Hinzert
Probenlager zum Jugendfestival 1979 vorn im Bild Willy Hinzert

Nach und nach gab es spezielle Folkmusikgruppen. Folktanzveranstaltungen wurden immer mehr veranstaltet. Die sogenannte Folkszene hatte sehr viele jugendliche Anhänger. Die Tänze waren leicht zu tanzen und der gemeinschaftliche Aspekt stand dabei im Vordergrund. Sie beinhalteten einfache Elemente aus dem Volkstanz. Der Unterschied bestand aber darin, dass man sich die Reihenfolge der Figuren selbst neu zusammenstellte und dann zu unterschiedlichen Musiken tanzte. Das machte sicher Spaß und brachte Stimmung und es fühlten sich viele Jugendliche davon angezogen. Der eine oder andere kam dann über diese Schiene zum „richtigen“ Volkstanz. Um Nachwuchs für den deutschen Volkstanz zu „ködern“ war das vielleicht gar keine schlechte Idee.

Auch wenn immer mehr Gruppen aufgaben, kamen ab und zu auch welche dazu:
So gründete Anni Herrmann im Herbst 1978 in Westberlin den Märkischen Volkstanzkreis. Getanzt wurde anfangs in den Räumen der Ölberggemeinde in Berlin-Kreuzberg, später zog man ein paar Ecken weiter in die Emmausgemeinde Kreuzberg, wo der Tanzkreis heute noch probt.
Getanzt wurden und werden deutsche Volks- und Jugendtänze, skandinavische Tänze, Kontratänze und internationale Tänze. In der Tanzgruppe tanzen etwa 16 Tänzer. Es wurden Kontakte zu anderen Gruppen in der Nordheide und auch in Schweden geknüpft.

Einmal die Woche trifft man sich zum gemeinsamen Tanzen, Erzählen und Singen. Gemeinsam fuhr man zu Tanzfesten in Salzgitter und Karlsruhe, wo die Gruppe auch am Stadtumzug und an Aufführungen teilnahm. Beim großen Herbsttanzfest in Berlin ist die Gruppe auch immer vertreten.

Besonderen Spaß brachte immer die gemeinsame Teilnahme an den vielen Lehrgängen in ganz Deutschland. Zu den regelmäßigen Aufgaben gehörten damals auch die alljährlichen Auftritte beim Erntedankfest im Johannesstift, die auch gemeinsam mit schwedischen Gruppen gestaltet wurden. Die schwedischen Tänzer waren dann immer in den Familien der Tanzgruppenmitglieder untergebracht.

Schöne Erinnerungen brachte auch die Teilnahme in Dalarna (Schweden) zum Rättviksdansen, den Tanztagen, an denen auch ausländische Volkstanzgruppen teilnahmen.
Zu den Auftritten trugen die Mädchen weiße Blusen und bunte Miederkleider, deren Borte mit Blumen bestickt war, dazu wurden farbige Schürzen gebunden. Die Herren hatten weiße und schwarze Kniebundhosen und blaue Westen.

Treffen mit anderen Gruppen sind wichtig und machen Spaß. Der Märkische Volkstanzkreis wurde im Herbst 1978 in Westberlin von Anni Herrmann gegründet
Treffen mit anderen Gruppen sind wichtig und machen Spaß. Der Märkische Volkstanzkreis wurde im Herbst 1978 in Westberlin von Anni Herrmann gegründet

Der Märkische Volkstanzkreis tanzt noch immer regelmäßig jeden Dienstag. Die Mitgliederzahl ist in etwa gleich geblieben. Auftritte werden nicht mehr getanzt, aber an Tanzfesten wird weiterhin teilgenommen. Das gemeinsame Tanzen und auch Singen, das Treffen nach den Proben im Lokal gegenüber oder auch die gemütlichen Beisammensein halten die Gruppe nach wie vor zusammen.

Die 80er Jahre

In Westberlin gründete Klaus Paege am 17. Oktober 1980 den „Tanzkreis für deutsche Folklore“. Die Gruppe beschäftigte sich ausschließlich mit deutschem Volkstanz. Die Gruppe baute langjährige Kontakte zu anderen Gruppen auf. Man traf sich auf gemeinsamen Tanzfesten und es entstanden enge Freundschaften.

Auftritte bei den Bezirksämtern, in Krankenhäusern, Seniorenheimen, Laubenkolonien usw. wurden vielfach von ihrer kleinen Musikgruppe unterstützt. Es wurde auf Tanzfesten im gesamten Bundesgebiet getanzt. Ein Höhepunkt stellte sicher die Teilnahme an der 20. Europeade in Wien vom 5. bis 7. August 1983 dar.
Die Tracht, die getragen wurde, stammt aus der Gegend um Luckenwalde im Land Brandenburg und wurde nach alten Unterlagen, die nur noch im Museum vorhanden waren, nachgefertigt.
Später übernahm Carsten Böttcher die Tanzgruppe. Geprobt wurde im Saal im Haus der Familie, Mehringdamm, nahe der U-Bahn am Platz der Luftbrücke. Etwa 1992 löste sich der Kreis wieder auf.

Im April 1982 wurde die Volkstanzgruppe Wittenau von Ursel und Rolf Vanselow, gegründet. Acht Gründungsmitglieder hatten sich das Ziel gesetzt, der Freizeitbeschäftigung Tanz nachzugehen und dabei aber auch deutschen Volkstanz zu pflegen und erhalten.

Die Gruppe tanzt auf den unterschiedlichsten Veranstaltungen in Berlin und im Bundesgebiet. Im Frühjahr wurde immer ein kleines Volkstanztreffen mit einer auswärtigen und einer Berliner Tanzgruppe durchgeführt. Durch diese Begegnungen knüpfte man viele Kontakte und holte sich Anregung für die weitere Tanzarbeit. Das Alter der Tänzer liegt mittlerweile bei sechzig bis achtzig Jahren. Die Gruppe tanzt immer noch regelmäßig jeden Montag im Senftenberger Ring in Reinickendorf. Die Leitung haben schon seit einigen Jahren Margot und Helmut Fiedler. Die Gruppe ist regelmäßig bei Tanzfesten anzutreffen.

Die Tanztracht, die bis heute getragen wird, stammt aus den Jahren um 1850. Die Tracht der Männer wurde in Liebenwalde getragen und die der Frauen in Ribbeck, beides Orte in der nördlichen beziehungsweise westlichen Mark Brandenburg. Bei der Herstellung der Tracht bekam die Gruppe Unterstützung von der Deutschen Oper Berlin.

1987 wurde Berlin 750 Jahre alt. Anlässlich dieses Jubiläums fand in Ostberlin ein groß organisierter Festumzug statt. Sämtliche Tanzensembles, Volkskunstkollektive und Tanzgruppen und Musikgruppen, aber auch Handwerker und Sportler waren daran beteiligt. Wir Tänzerinnen von der Jugendgruppe des Berliner Volkstanzensembles mit Karin Krause waren auch dabei. Ich erinnere mich noch gut an die Proben. Mehrere Monate vorher trafen wir uns an verschiedenen Orten mit den Musikern, um unsere Choreographie für den Umzug einzustudieren. Am Tage selber bekamen wir dann so eine Art mittelalterliche Kleidung. Dann bekam jede Gruppe ihre Stellnummer und dann ging es los.

Letztendlich waren wir bei dem riesigen Aufgebot nur eine von vielen, aber Spaß gemacht hat es trotzdem. Es war schon etwas Besonderes, an einem so großen Event teilzunehmen.

Den nächsten großen Höhepunkt hatte ich mit den Mädels vom Berliner Volkstanzensemble 1989. Im Mai fand das große Pfingsttreffen der Jugend in Berlin statt. Wir wirkten damals in der großen Stadionrevue „Show mal her“ im Stadion der Weltjugend mit. Das war sehr aufregend. Viele Proben vorher und interessante Begegnungen mit den damaligen Ostpromis gab es. So traf ich bei einer Besprechung im Vorfeld die Sängerin Tamara Danz und bei der Revue selber erinnere ich mich noch gut, wie ich neben dem sogenannten „Winnetou des Ostens“, Gojko Mitic stand und darum sicher von vielen beneidet wurde.

Diese Revue war für viele aktive jugendliche Tänzer die letzte große Aktivität im Volkskunstschaffen der DDR. Niemand ahnte zu dem Zeitpunkt, dass sich am 9. November des Jahres die vielgehasste Mauer öffnen würde.

Die 90er Jahre bis heute

Der 9. November 1989 war nicht nur die Wiedervereinigung zweier deutscher Staaten zu einem, sondern auch eine Wiedervereinigung von zwei in vielen Dingen sehr unterschiedlich gewordenen Volkstanzgemeinden. In vierzig Jahren BRD und DDR und 28 Jahren absoluter Mauertrennung entwickelte sich die Volkstanzarbeit teilweise sehr verschieden. Im Westen tanzte man eher nach alt gewohnter Manier, also mit geselligen Probenabenden, Auftritten, Tanzfesten und Gruppenfahrten, in denen es galt, die Gemeinschaft in der Gruppe und mit anderen Gruppen zu fördern. Im Ostteil entwickelte sich daraus in vielen Gruppen ein regelmäßiges, leistungsorientiertes Training mit Trainingslagern am Wochenende oder in den Ferien für die Kinder und Jugendlichen. Es gab ganz „normale“ Auftritte auf Betriebsveranstaltungen, Altersheimen und dergleichen, aber man arbeitete auch hart an bühnenwirksamen Programmen, die dann zu Wettbewerben, Festspielen und Leitungsschauen zur Aufführung kamen. Aber auch diese andere Arbeitsweise förderte den Zusammenhalt und die Gemeinschaft in den Volkstanzgruppen. Schließlich war es ja auch ein schönes Gefühl, für die gemeinsame harte Arbeit mit guten Platzierungen belohnt zu werden.

„Mit der Wende lösten sich auch die letzten noch bestehenden Betriebstanzgruppen und Ensembles auf. Die Menschen waren jetzt mit anderen Dingen beschäftigt.“

Mit der Wende lösten sich auch die letzten noch bestehenden Betriebstanzgruppen und Ensembles auf. Die Menschen waren jetzt mit anderen Dingen beschäftigt. Außerdem fehlte jetzt auch die finanzielle Förderung der Gruppen durch die Betriebe. Es gab also keine Möglichkeit mehr, Probenräume zu finden, die nichts oder nur sehr wenig Miete kosteten und somit erledigte es sich für viele mit dem Tanzen.

Die betriebsunabhängig existierenden Volkstanzgruppen tanzten aber weiter. Das waren in Ostberlin leider nicht so viele. Da gab es eine Volkstanzgruppe in Leegebruch bei Berlin, die heute als Karnevalsverein arbeitet und der Berliner Volkstanzkreis in Berlin-Prenzlauer Berg.

In Westberlin gab es noch sieben Volkstanzgruppen, die deutschen Volks- und Jugendtanz pflegten und nun als Einzelmitglieder der LAG Tanz Berlin e.V. angehörten.
Im April 1991 gründete die Musikschule Berlin-Köpenick eine Jugendtanzgruppe unter der künstlerischen Leitung von Waltraut Stark, die jahrelang das Tanzensemble der Interflug in Ostberlin leitete. 1993 kam dann noch eine Erwachsenentanzgruppe dazu. Die Gruppe beschäftigt sich viel mit deutscher Folklore, die von Waltraut Stark choreographisch für die Bühne bearbeitet wird. Aber auch ausländische Folklore gehört zum Repertoire. Die Gruppe hat Kontakte zu ausländischen Tanzgruppen.

Vor einigen Jahren endete die Zusammenarbeit mit der Musikschule. Seitdem trägt sich die Tanzgruppe als eingetragener Verein. Die Folkloretanzgruppe Berlin-Köpenick e.V. nimmt seit Jahren regelmäßig an viele Veranstaltungen in und um Berlin teil. Bei Bundesvolkstanztreffen und vielen anderen Tanzfesten sind sie immer vertreten. Dreitägige Trainingsfahrten gehören zur alljährlichen Tradition. Das Alter der Tänzer liegt bei 15 bis über 60 Jahre. Die Tanztracht der Gruppe kommt aus dem Fläming aus der Region um Jüterbog.

Einige Mitglieder der Gruppe leiten Kindertanzgruppen in den umliegenden Grundschulen, um den Nachwuchs für die Zukunft zu sichern. Das ist eine sehr schwierige Aufgabe, weil viele Kinder spätestens zum Wechsel in die Oberschule nicht weiter tanzen. Aber es ist gut, die Hoffnung nicht aufzugeben. Zu den anderen Berliner Volkstanzgruppen bestehen gute Kontakte.

Begegnung des Berliner Volkstanzkreises mit dem Tanzkreis Adelheid in Tegel am 1. Juli 1997
Begegnung des Berliner Volkstanzkreises mit dem Tanzkreis Adelheid in Tegel am 1. Juli 1997

Generell entstand nun nach Maueröffnung wieder eine ähnliche Situation wie in den 50er Jahren. Man konnte sich endlich wieder grenzenlos besuchen. So gab es einen regelrechten Tanztourismus. Die Tanzfeste wurden wieder gesamtberliner Tanzfeste.
Neben der großen Wiedersehensfreude machten sich aber die Jahre der Trennung doch bemerkbar.
Behauptete doch jeder von sich, dass seine Lehrmethode und Probengestaltung die bessere wäre.

Diskussionen entstanden und man versuchte sich zu einigen. Für die weitere Entwicklung des Volkstanzes konnte dies aber nur gut sein, denn von jedem ein bisschen zu einem Ganzen zusammengeführt, konnte die Tanzqualität und die Gemeinsamkeit in den Gruppen nur fördern. Das war und ist auch für die heutige Arbeit in den Gruppen von großer Wichtigkeit, um Nachwuchs zu finden und zu integrieren. Dazu gehört gerade auch in der Arbeit mit Jugendlichen die Förderung der Gemeinschaft, aber auch durch die regelmäßige Trainingsarbeit mit Erfahrung aus den beiden ehemaligen Systemen Ost und West eine kontinuierliche Erhaltung unseres kulturellen Erbes, dem Volkstanz.

Inzwischen ist es so, dass viele Tänzer in mehreren verschiedenen Volkstanzgruppen regelmäßig wöchentlich tanzen. Ob man damals in Ost oder West tanzte ist heute nicht von Wichtigkeit. Man kann also sagen, dass die Wiedervereinigung der großen Volkstanzgemeinde sehr schnell verlief.
Gedanklich war man ja nie wirklich getrennt.

Gerade die älteren Tänzer erinnerten sich noch gerne an gemeinsam getanzte Vormauerzeiten. Die Tänzer aus dem Westteil Berlins nutzten damals auch öfter die Gelegenheit von Besuchen, um an den Tanzfesten im Berliner Prater mit Erich Krause, nach seinem Tod mit Karin Krause, teilzunehmen.

Umgekehrt war es für die arbeitende Bevölkerung ja leider nicht möglich, aber die Altersrentner im Ostteil hielten auch die bestehenden Kontakte im Westen aufrecht.
Leider wird der Altersdurchschnitt der Tänzer immer höher. Nachwuchs zu finden ist heutzutage schwieriger als je zuvor. Deshalb ist es denke ich wichtig, Volkstanz wieder öffentlicher zu machen. Das setzt natürlich auch zunehmendes Interesse der zuständigen Kulturverantwortlichen in den Bezirken und den Ländern voraus. Es muss uns, den noch verbleibenden Tänzern, irgendwie gelingen, medienwirksamer zu werden.

Dazu brauchen wir dringend Nachwuchs, müssen durch Auftritte präsent sein und den deutschen Volkstanz stets weiterentwickeln, um ihn auch für jüngere Generationen interessant zu machen. Dennoch wird es immer schwieriger werden, Volkstanz wieder gesellschaftsfähig zu machen, weil das gesamte Freizeitangebot zu vielfältig geworden ist. Die zuständigen Kulturämter sehen es auch nicht weiter für notwendig den Volkstanz als Kulturerbe weiter zu fördern. Nach deren Auffassungen gäbe es förderungswürdigere Kulturgüter. Das damit ein Teil unserer deutschen Geschichte geleugnet wird, ist ihnen wahrscheinlich nicht bewusst. Wir reden hier von der deutschen Geschichte, die bereits im 10. Jahrhundert mit der Gründung des deutschen Reiches begann und nicht von ein paar Jahren zwischen 1939 und 1945, die scheinbar für die politisch Verantwortlichen im Vordergrund stehen. Ein weiteres Problem ist das zunehmende Desinteresse der heute heranwachsenden Generation an unserer deutschen Geschichte und den damit erlangten Traditionen. Damit wird dieses Thema zu einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe.

Dass Volkstanz auch heute noch Spaß macht, merkt man daran, dass viele Tänzer schon ihr ganzes Leben lang tanzen. So sind zum Beispiel bei uns im Berliner Volkstanzkreis mehrere Tänzer, die gemeinsam mit Erich Krause im Frühjahr 1946 mit dem Tanzen angefangen haben. Sie sind heute alle im Alter von 77 bis 82 Jahren und immer noch fleißig dabei. Das beweist, wie zuträglich das Tanzen der Gesundheit ist. Alle langjährigen Volkstänzer, die ich kenne, sind körperlich noch sehr fit, haben eine hohe Auffassungsgabe, wenn neue Tänze erklärt werden und wirken einfach jünger, als sie sind. Tanzen bringt soziale Integration und Spaß und hält länger jung.
Am 22. Januar 2011 waren wir zu einem Lehrgang für deutsche Volkstänze. Erstaunlicherweise war die Zielgruppe, die die Tänze lernen wollte, die Tanzgruppe Faux Pas, die sich sonst nur mit Tänzen aus dem Balkan und Umgebung beschäftigt. Die jungen Leute zeigten ernsthaftes Interesse an unseren deutschen Volkstänzen und waren mit Begeisterung dabei, einige Tänze zu erlernen. Es war schön zu sehen, wie schnell sie die für sie ungewöhnlichen Schritte lernten. Wir zeigten und übten den Freidigen, Krüz König, Holsteiner Dreitour und die Lange Reihe. Außerdem lernten sie Walzer tanzen. Diese gemeinsamen Tanzstunden haben allen sehr viel Spaß gemacht und es kam der Wunsch auf, noch mehr über den deutschen Volkstanz zu lernen. Es entstand die Idee, solche Lehrgänge öfter zu veranstalten und zwar dann aber als gegenseitiges Lernen, das heißt wir bringen den ausländischen Tänzern unsere deutschen Tänze bei und wir lernen dafür Balkantänze zu tanzen. Ich finde es schon erstaunlich, dass gerade ausländische Tänzer Interesse an unserem deutschen Tanzerbe zeigen. Anscheinend hat die Pflege und Erhaltung von Traditionen in anderen Ländern einen viel größeren Stellenwert als bei uns in Deutschland. Auf diesen Weg müssen wir unsere Jugend in den nächsten Jahren auch bringen, damit nicht alle unsere Traditionen verloren gehen.

Abschließend noch ein sehr passendes Zitat von Rosemarie Ehm- Schulz:
„Im Volkstanz ist das zu finden, was den anderen Tanzarten fehlt. Diesen Tanz schöpft das Leben selbst. Auf den Volkstanz wirken keine Kritik, keine Direktoren und sogar kein Publikum. Er bleibt wie er ist... Das Volk tanzt für sich selbst und stellt sich selbst dar. Das ist Wahrheit, die von niemandem verfälscht wurde.“
Wenn wir diese Worte beherzigen, haben wir vielleicht die Chance unsere Volkstanzgeschichte noch lange weiterschreiben zu können. Das wünsche ich uns und den nachfolgenden Generationen sehr.


Zur Arbeit von Claudia Schier gehören noch drei kurze Chroniken von ausgewählten Volkstanzgruppen, die die gesamten Jahre von nach dem Krieg bis heute (2011) durchgetanzt haben: der Volkstanzkreis Reinickendorf, der Volkstanzkreis Tempelhof und der Berliner Volkstanzkreis. - d. Red.


Liebe Leserinnen und Leser,
ergänzend zu den vorhergehenden Teilen der Volkstanzgeschichte ist zu erwähnen, dass zum Teil Inhalte aus dem Buch „Der Tanz im künstlerischen Volksschaffen der DDR“ von Elvira Heising und Sigrid Römer verwendet wurden. Auch im IV. Teil sind vergleichsweise Inhalte von Elvira Heising und Sigrid Römer genutzt worden.
Claudia Schier

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Immaterielles Kulturerbe – Wissen. Können. Weitergeben.Die „Volkstanzbewegung in ihren regionalen Ausprägungen in Deutschland“ ist eingetragen im bundesweiten Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes in Deutschland.

Mitstreiter gesucht!

  • Interessiert du dich für den Volkstanz?
  • Möchtest du, dass dieses wertvolle immaterielle Kulturgut erhalten bleibt und an spätere Generationen weitergegeben werden kann?
  • Möchtest du, dass Volkstanz lebt, begeistert und mitreißt?
  • Möchtest du dich auch überregional mit diesen Aufgaben befassen?

Wenn du nur zwei dieser Fragen mit „Ja“ beantworten kannst, solltest du dich mit uns in Verbindung setzen. Für den Vorstand der DGV suchen wir Gleichgesinnte. Bitte melde dich beim DGV-Vorsitzenden Reinhold Frank
Tel. 07 11 - 68 19 17,
E-Mail: r.frank@volkstanz.de
oder bei einem andern Vorstandsmitglied.