Deutsche Gesellschaft für Volkstanz e.V.

Unserer Reisegruppe beim Gruppenbild im Park von Nova Petropolis

Die Deutsche Gesellschaft für Volkstanz (DGV) war im August auf großer Fahrt in Brasilien. Es war ein beeindruckendes Erlebnis. Hier der Bericht zweier Teilnehmer.

Als vor zwei Jahren der Wunsch an die Deutsche Gesellschaft für Volkstanz (DGV) herangetragen wurde, doch einmal nach Brasilien zu kommen, um deutsche Volkstänze zu zeigen, glaubten wir nicht so recht daran, dass es wahr werden würde.

Die Vorbereitungen dazu liefen an und dann war es soweit. Eine Gruppe der DGV von 27 Tänzerinnen und Tänzern aus Hamburg, Lüneburg, Salzgitter, Berlin und Blender flog am 1. August 2011 von Frankfurt/Main mit dem Flieger zunächst nach Sao Paulo und landete dann mit einem weiteren Flieger endlich nach 18 Stunden Flugzeit müde in Porto Alegre.

Im Süden Brasiliens niedergelassen

Diese Reise hatte einen interessanten historischen Hintergrund, der sich wie folgt darstellt:
Die brasilianische Werbung im Jahr 1820 in Deutschland dürfte den Ausschlag für viele Deutsche gegeben haben, nach Brasilien auszuwandern. Zu der Zeit des Immigrationsbeginns herrschte in Deutschland eine große Arbeitslosigkeit. Arbeitskräfte wurden in Brasilien dringend gesucht. Die Immigration setzte 1821 ein. Am 16. Juli 1824 trafen die ersten Einwanderer in Brasilien und Rio Grande do Sul, Porto Alegre (Provinzhauptstadt) ein. Es waren Italiener, Polen und Deutsche aus Pommern, Sachsen und Böhmen. Die bis heute bekannteste Person ist unter anderem Dr. Hermann-Bruno-Otto Blumenau aus Hasselfelde (Harz).

Am 25. Juli 1824 wurde die erste deutsche Siedlung im Süden Brasiliens gegründet. Im tiefen Urwald entstanden Dörfer.
Es wurden Schulen gebaut und Vereine gegründet. In den Vereinen wurde die deutsche Kultur gepflegt und an die Nachkommen weitergegeben. Abgesehen von der landwirtschaftlichen Arbeit waren die Immigranten auch Handwerker, die Holz, Eisen, Leder und Fasern verschiedener Art bearbeiteten. So entstanden die ersten Industriezweige.

Zum Gedenken an den Ankunftstag der ersten Einwanderer wird in Brasilien dieser Tag feierlich begangen. Aus diesem Anlass wurde die DGV-Vorsitzende Helga Preuß von der Stadt Nova Petropolis zu den 39. Feierlichkeiten des Folklore Festivals eingeladen.

Mit viel Freude dargeboten

Wie schon erwähnt, kamen wir müde in Porto Alegre an und wurden am Flughafen von den Gastgeberfamilien und einigen Tanzleitern herzlich empfangen. Es überraschte uns, dass fast alle ein gutes Deutsch sprechen. Am nächsten Tag ging es zu einer Stadtrundfahrt in einem offenen Doppeldeckerbus bei nur sechs Grad Celsius Außentemperatur und sehr starkem Wind los (in Brasilien war Winter und ein ziemlich heftiger noch dazu). Die Rundfahrt von etwa 25 Kilometern Länge führte an viele Sehenswürdigkeiten entlang. Die Erklärungen aus der Audioanlage des Busses dazu waren leider in portugiesischer Sprache.

Porto Alegre liegt an dem größten Binnensee Brasiliens. In der Stadt leben 1,4 Millionen Einwohner, die aus 51 Nationen kommen. Trotzdem kommt man ganz gut miteinander aus. Am Abend fand im „Centro Clutural 25 de Julho de Porto Alegre“ (Vereinshaus) ein großes Tanzfest statt, das die dortigen deutschstämmigen Tanzgruppen anlässlich unseres Besuches organisiert hatten.

Die Gruppen erschienen zu dem Fest alle in Tracht, die sie sich nach alten deutschen Vorlagen nachgeschneidert hatten. Es wurden gemeinsam deutsche Volkstänze getanzt. Wir waren begeistert, mit welcher Freude unser Volkstanz von den meist jungen Tänzerinnen und Tänzern dargeboten wird. Am nächsten Morgen verabschiedeten wir uns von unseren Gastgebereltern und fuhren mit dem Bus weiter nach Nova Petropolis zu dem Folklore Festival International, das in der Zeit vom 30. Juli bis zum 14. August stattfand.

Deutsche Volkstänze gekonnt getanzt

Nach einer zweistündigen Fahrt erreichten wir die Stadt, die ganz im Zeichen der Festlichkeiten stand. Überall waren Volkstanzfiguren aus Holz aufgestellt, die mit einer Volkstanztracht ausgestattet waren. In einem großen Park hatte man eine riesige Bühne mit überdachter Zuschauerfläche aufgebaut. Auf der Bühne brannte das „Folkloristische Feuer“ während der ganzen Zeit des Festivals. Täglich von 10:00 bis 20:00 Uhr konnten die Zuschauer die Vorführungen der Tanzgruppen aus den südlichen Bundesländern Rio Grande do Sul, Santa Catarina und Parana aber auch aus dem Ausland verfolgen.

Viele brasilianische Gruppen hatten deutsche Namen wie: Böhmerwald-Tanzgruppe, Schützenhaus Tanzgruppe, Edelweiß Tanzgruppe, Volkstanzgruppe Tannenwald, Volkstanzgruppe Freundschaftskreis usw. Die Volkstänze sind nach deutschen Volkstanzschriften eingeübt und von den Gruppen gekonnt vorgetanzt worden. Auch Kindertanzgruppen zeigten ihr Können. Eine Indio-Tanzgruppe führte einige Tänze aus ihrer Kultur vor. Es war sehr interessant. Unsere Gruppe hatte jeden Tag zwei Auftritte von je dreißig Minuten, die von den Zuschauern aufmerksam verfolgt wurden. Auch wurden unsere Trachten ausführlich vorgestellt. Es war sehr anstrengend, hat aber viel Spaß gemacht.

Volkstanz ist sehr populär

Besonders gut gefallen hat uns der Kontakt zu den Menschen. Wir haben viel von dem Leben in Brasilien erfahren können. Obwohl die Landessprache Portugiesisch ist, pflegen die Nachfahren der deutschen Auswanderer immer noch die deutsche Kultur. So hatten wir auch die Gelegenheit, eine deutsche Kolonie aus der Gründerzeit zu besuchen, die in dem Immigranten-Park „Parque do Immigrante“, zu finden ist. Die vier Tage in Nova Petropolis gingen viel zu schnell vorbei und wir fuhren mit dem Bus, der uns ab jetzt die ganze Zeit zur Verfügung stand, nach Gramado. Das Gute, unser Busfahrer sprach auch Deutsch.

In Gramado ist unsere Sektion Brasilien der DGV in einem Haus der Jugend untergebracht. Hier werden einmal im Jahr Volkstänze von einer Referentin der DGV (in den letzten Jahren war das Uschi Müller) vier Wochen lang unterrichtet. Aber auch Tanzgruppen aus ganz Brasilien nutzen dieses Haus das ganze Jahr über zu Übungszwecken. Der Volkstanz ist in diesem Land sehr populär. Dazu werden die überlieferten Trachten aus allen Regionen Deutschlands getragen. Nach einem Rundgang durch das Haus der Jugend lud uns der Leiter des Hauses zu einer Stadtrundfahrt ein. Zu sehen waren schöne und gepflegte Häuser im süddeutschen Stil.

Hier findet alljährlich der größte Weihnachtsumzug von ganz Brasilien statt. Dazu ist die Stadt festlich geschmückt und es spielt die ganze Zeit Weihnachtsmusik – auch deutsche. Weihnachten wird dort von Anfang November bis Mitte Januar gefeiert.

Dieser 32.000 Einwohnerort ist Brasiliens Winterurlaubsort Nr. 1 und wird jährlich von 2,5 Millionen Gästen besucht. Nach einem gemeinsamen Essen mit den Tanzleitern aus Gramado fuhren wir mit dem Bus weiter nach Blumenau. Fahrzeit neun Stunden.

Deutsche Kultur gepflegt

In Blumenau wurden wir von der Volkstanzgruppe Blumenau und den Gastgeberfamilien herzlich in Empfang genommen. Nach einer kleinen Pause besichtigten wir mit dem Tanzleiter der Tanzgruppe die Sehenswürdigkeiten der Stadt. So wurde uns unter anderem das Wohnhaus mit dem alten Mobiliar des deutschen Apothekers Bruno-Otto Blumenau aus Hasselfelde (Harz), der im Jahre 1850 die Stadt gründete, gezeigt. Zu seinen Ehren ist 1949 ein Denkmal auf dem Dr. Blumenau-Platz eingeweiht worden.

Die Stadt Blumenau hat 300.000 Einwohner (vierzig Prozent halten sich für deutschstämmig) und ist die deutscheste Stadt ganz Brasiliens. Alljährlich wird in Blumenau das traditionelle Oktoberfest gefeiert. Es werden Eisbein und Sauerkraut verspeist. Mehrere Blaskapellen werden extra aus Deutschland eingeflogen. Tanzgruppen treten in bayerischer Tracht auf und es wird gejodelt und geschuhplattlert. Ohne Übertreibung, hier wird deutsche Kultur übernommen und gepflegt.

Heute besitzt Blumenau den zweitgrößten Textilindustriepark Brasiliens. Wichtig aber auch die hiesigen Kristallerzeugnisse. Blumenau besitzt einen der höchsten Lebensstandards in Brasilien. In der Stadt gibt es Theater, zwei Museen, eine Universität, eine große Bibliothek, vier Krankenhäuser und das beste Kammerorchester Brasiliens. Umweltschutz wird im grünen Tal von Blumenau groß geschrieben, was besonders in der Stadt zu spüren ist.

Deutscher Einfluss spürbar

Nach drei Tagen Aufenthalt fuhren wir weiter nach Jaragua. Hier wurden wir schon von den Gastgeberfamilien und der Tanzgruppe erwartet. Die Stadt Jaragua ist 1876 von Loreno Hagedorn gegründet worden und hat 15.000 Einwohner.

Die alteingesessene Familie Mahnke hat hier auf fünfzig Hektar eine Vorzeige-Baumschule aufgebaut. Die Pflanzen werden in die ganze Welt verkauft. Auch das große Elektro-Motorenwerk WEG hat in Jaragua seinen Sitz. Bei einem Rundgang durch die Museumsaustellung bekam man einen Einblick in die Anfänge des Werkes.

Den Abend verbrachten wir mit einigen Volkstanzgruppen bei einem evangelischen Kirchenfest. Jede Gruppe (auch wir) zeigte einige Volkstänze.

Am nächsten Morgen fuhren wir nach Joinville und machten einen Abstecher nach Pomerode. Die Städte Joinville (497.000 Einwohner) und Pomerode (26.000 Einwohner) gehören auch zu den deutschen Städten. Pomerode ist seit 1861 von Pommern besiedelt. Nach Joinville kamen die Einwohner aus Hamburg und der Schweiz. Der deutsche Einfluss ist heute noch in den beiden Städten deutlich spürbar. Hier ist alles sauber, ordentlich und gut organisiert. Deutsch ist sogar Schulfach.

Ein Muss für uns war die Besichtigung des Bolshoi-Theaters. Hier werden 270 Kinder im klassischen Tanz unterrichtet und kostenlos versorgt. Sie sind auch krankenversichert. Während der Ausbildung, die in der Regel acht Jahre dauert, wohnen die Kinder bei Gasteltern. Die Kosten werden zu 95 Prozent von den ortsansässigen Firmen gesponsert.

Eine prosperierende Stadt

Nach drei Tagen Aufenthalt mit Besichtigungen und Volkstanz im Theater ging es mit dem Bus weiter nach Curitiba. Curitiba liegt im Bundesland Parana. Die 1693 von Goldsuchern gegründete Stadt empfing im 18. Jahrhundert viele Viehzüchter und ab 1876 die Immigranten aus Italien, Polen und Deutschland. Curitiba ist die Hauptstadt von Parana und hat 1,8 Millionen Einwohner. Der erste Eindruck erinnert an gepflegte Städte im flachen Norddeutschland.

Sehr viele Themenparks, Grünanlagen, Fahrradwege, ein modernes Nahverkehrssystem und ein Recyclingsystem sind hier präsent. Um einen Blick auf die Stadt zu bekommen, sind wir auf den 109 Meter hohen Fernsehturm gefahren. Der Rundblick war einfach umwerfend. Erst hier war die Größe der Stadt mit den vielen Parks zu erkennen.

Auch hier in Curitiba sind wir von den Gastgeberfamilien und der Volkstanzgruppe ganz herzlich betreut worden. Einen ganzen Abend verbrachten wir mit den Volkstanzgruppen im Haus Concordia. Es wurde erzählt und getanzt. Die jüngste Tänzerin war erst zwei Jahre alt und war voll dabei. Kein Wunder, die Eltern sind Tanzleiter.

Eine abenteuerliche Fahrt

Am nächsten Tag ging es mit der legendären Gebirgsbahn nach Morretes. Das alte Kolonialstädtchen mit seinen bunt bemalten Häusern liegt 73 Kilometer von Curitiba entfernt. Die Fahrt ging durch den Urwald. Ein üppiger Wald, reich an tropischen Baumarten und farbenprächtigen Blütenpflanzen überraschte uns. Teilweise ging die Fahrt dicht an Steilhängen und Abgründen entlang. Der alte Zug mit zwanzig Wagen für je fünfzig Personen wirkte genauso abenteuerlich, wie die Fahrt selbst. In Morretes wartete unser Bus auf uns und wir fuhren wieder zurück nach Curitiba. Hier hieß es, sich von den Gastgebern, Volkstänzern und unserem Busfahrer, der uns 15 Tage gefahren hatte, zu verabschieden.

Vom Flughafen Curitiba flogen wir nach Foz do Iguacu, dem letzten Ort unserer Reise. Um 1:00 Uhr in der Nacht kamen wir im Hotel an und fielen todmüde ins Bett. Am nächsten Morgen nach dem Frühstück fuhren wir mit der Reiseleitung vom Reisebüro zu den gewaltigsten Wasserfällen der Welt am südlichen Dreiländereck (Brasilien, Argentinien und Paraguay).

Viele Freundschaften geschlossen

Dort angekommen, kauften wir uns einen Regenmantel. Ein ein Kilometer langer Weg mit reizvollen Panoramaaussichten führte uns hin und wieder mit einer kalten Dusche ganz nah an das 120 Millionen Jahre alte Naturschauspiel heran. Hier sieht man den 2.700 Meter breiten Canyon und zahlreiche Wasserfälle, deren größter Garganta do Diabo, der Teufelsrachen, genannt wird. Das Wasser stürzt hier neunzig Meter in die Tiefe. Es ist atemberaubend. Wir waren froh, dass wir die Regenmäntel angezogen hatten.

Am nächsten Tag war die Besichtigung des Wasserkraftwerkes und Stausees von Itaipu angesagt. Gleich nach dem Frühstück ging es mit unserer Reisebegleitung los. Mit einem Bus fuhren wir zu einem Aussichtspunkt mit Blick auf die Staumauer. Alles hier ist gigantisch. Die Staumauer hat eine Höhe von 196 Meter und ist acht Kilometer lang. Gebaut wurde das Kraftwerk zwischen 1975 und 1984 und bildet die Grenze zwischen Brasilien und Paraguay. Lange konnten wir uns nicht aufhalten und es ging zurück zum Hotel und anschließend zum Flughafen.
Unsere Abenteuerreise war zu Ende. Wir haben sehr viel erlebt und gesehen. Überall sind wir herzlich empfangen worden. Es wurden viele Freundschaften geschlossen und oft war der Abschied nicht leicht. Mit vielen interessanten Eindrücken sind wir wieder gesund zu Hause angekommen und werden diese Reise so schnell nicht vergessen.


Info-Tipp

Bei der Folkloretanzgruppe Köpenick ist ein ausführlicher reich bebilderten Reisebericht der Brasilienreise vom 1. bis 23. August 2011.

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